SPP – Wenn Coaches Probleme stabilisieren, die sie lösen wollen

Lesedauer 4 Minuten

Schlafcoaching und Schlaf-Hacks boomen. Optimierung verkauft sich, Routinen auch. Nach 24 Jahren Chronobiologie freue ich mich sehr, dass die Themen Schlaf und Chronobiologie an Fahrt gewinnen. Zusammen mit der SleepmasterAcademy bilden wir inzwischen immer mehr Coaches und Experten zu Pionieren aus, die das Thema „ins Volk“ tragen.

Bei all der Freude zeigt sich jedoch auch eine dunkle, geradezu paradoxe Seite unserer Arbeit, die in unserer Branche so gut wie nie angesprochen wird. Damit meine ich nicht das Salomon-Paradoxon, sondern ein Paradoxon, das bisher noch nicht einmal einen Namen hat. Deswegen vergebe ich ihn erstmals heute.

SPP – Systemstabilisierendes Präventionsparadoxon

Das systemstabilisierende Präventionsparadoxon beschreibt den Effekt, dass Maßnahmen zur individuellen Prävention die negativen Folgen eines Systems auf Seiten der Betroffenen reduzieren, und dadurch genau dieses System langfristig stabilisieren, anstatt es zu verändern. (Michael Wieden)

Gilt dieses Paradoxon für viele Arten Prävention, und hier vor allem der Sekundär- und Tertiärprävention Prävention, möchte ich es im Folgenden exemplarisch am Beispiel „Schlaf- und ChronoCoaching“ erläutern.

Ein Großteil dessen, was heute unter Schlafoptimierung verstanden wird, bewegt sich innerhalb eines Systems, das biologisch gegen den Menschen arbeitet, insbesondere gegen seinen zirkadianen Rhythmus. Daraus entsteht eine zentrale Frage: Helfen Schlafcoaches tatsächlich, oder tragen sie ungewollt dazu bei, dass ein dysfunktionales System stabil bleibt?

Der Blick auf die Ursachen macht schnell deutlich, dass das Problem selten im Individuum liegt. Frühe Schulzeiten, starre Arbeitsmodelle und insbesondere Schichtarbeit sind keine Randphänomene, sondern tief verankerte Strukturen, die direkt in biologische Prozesse eingreifen. Die Folgen sind seit Langem bekannt: chronischer Schlafmangel, sozialer Jetlag und langfristige gesundheitliche Risiken bis hin zu Depression und metabolischen Störungen. Trotzdem wird die Verantwortung meist individualisiert. Die Botschaft lautet dann nicht: „Das System ist falsch getaktet“, sondern: „Du musst deinen Schlaf optimieren.“

Genau an dieser Stelle entsteht ein Spannungsfeld, das sich nicht einfach auflösen lässt. Schlafcoaches arbeiten überwiegend auf der Verhaltensebene. Sie helfen mit Routinen, Lichtsteuerung und konkreten Strategien, um Schlaf zu verbessern. Das ist wirksam und oft auch notwendig. Gleichzeitig hat diese Form der Unterstützung eine Nebenwirkung: Sie reduziert den Leidensdruck innerhalb eines unveränderten Systems. Und genau dieser Leidensdruck wäre häufig die Voraussetzung dafür, dass strukturelle Veränderungen überhaupt angestoßen werden. Weiterhin besteht das Risiko, dass gesundheitliche Folgen nur zeitlich verschoben werden, und sie sich dann zeitlich, aber auch symptomatisch bemerkbar machen, wenn man keinen kausalen Zusammenhang mehr herstellt. Ärzte erkennen dies in der Regel nicht.

Systemfehler Schichtarbeit und Schulbeginnzeiten

Besonders deutlich wird dieses Dilemma am Beispiel der Schichtarbeit. Seit Jahren ist bekannt, dass sie gesundheitlich problematisch ist, weil sie den zirkadianen Rhythmus direkt destabilisiert. Dennoch wird sie häufig so behandelt, als ließe sie sich durch gezielte Maßnahmen „in den Griff bekommen“. Strategische Nickerchen, gezielter Koffeinkonsum, optimierte Schlafumgebungen oder Lichtmanagement, Wechselschichten, 50/50-Schlaf, Ernährungstipps etc. gelten dann als präventive Maßnahmen.

Doch hier lohnt sich ein genauerer Blick auf das Wording. Prävention wovor eigentlich? Vor den Folgen eines Systems, das selbst die Ursache ist? In diesem Kontext verschiebt, oder besser: verdeckt Verhaltensprävention das eigentliche Problem, anstatt es zu lösen. Sie ermöglicht es Menschen, mit einer Belastung temporär besser umzugehen, die strukturell aber bestehen bleibt. Dadurch entsteht der Eindruck, das System funktioniere, obwohl es biologisch widersprüchlich ist. Hinzu kommen extrinsische Motivationsanreize (Nachtzuschläge), die den „Nachteil“ ausgleichen sollen. Gesundheit gegen Geld? SPP pur.

Dabei existieren längst alternative Ansätze, etwa eine chronotypbasierte Gestaltung von Arbeitszeiten im Sinne einer chronotypoptimierten Personaleinsatz- und Schichtplanung oder auch ChronoWorking. Der Unterschied ist grundlegend: Hier wird nicht der Mensch an die Schicht angepasst, sondern die Struktur zumindest teilweise und bestmöglich an die biologische Realität des Menschen.

ChronoCoach - Ausbildung Chronobiologie

Ein ähnliches Muster zeigt sich im Bildungssystem. Jugendliche entwickeln biologisch bedingt einen späteren Schlaf-Wach-Rhythmus, während frühe Schulbeginnzeiten genau das ignorieren. Die daraus entstehenden Probleme werden dann wiederum auf individueller Ebene adressiert. Melatoninpräparate, Mittagsschlaf oder der Einsatz von Tageslichtlampen sollen helfen, das System besser zu bewältigen, und Coaches helfen dabei und bedienen unwissentlich das SPP.

Keine Frage, diese Maßnahmen können kurzfristig sinnvoll sein, doch sie verändern nicht die Ursache. Sie verschieben die Folgen eines strukturellen Widerspruchs. Wenn Schüler lernen, sich mit solchen Strategien an ein Frühsystem anzupassen, wirkt dieses System nach außen hin stabil, obwohl es grundlegende biologische Prinzipien missachtet. Unterstützt wird dies noch von Narrativen wie „Wir haben das ja früher auch geschafft!“, was den Erfolgsdruck der Arbeit von Coaches erhöht.

Coach zwischen Individual- oder Systemunterstützer?

Genau hier liegt das Paradox moderner Schlafoptimierung. Ohne Unterstützung bleiben Menschen im Leid. Mit Unterstützung passen sie sich besser an. In beiden Fällen bleibt das System unangetastet. Je besser das Coaching funktioniert, desto weniger sichtbar wird das eigentliche Problem.

Das bedeutet nicht, dass Schlafcoaching überflüssig ist, ganz im Gegenteil. Es bedeutet aber, dass es eine klare Positionierung braucht. Unterstützung auf Verhaltensebene ist wichtig, solange sie nicht den Blick auf die strukturelle Ebene verstellt. Es macht einen Unterschied, ob Maßnahmen als Lösung kommuniziert werden oder als das, was sie tatsächlich sind: Strategien, um mit einem ungünstigen Umfeld besser umzugehen. Es gilt also SPP zu thematisieren und aktiv anzugehen.

Damit verschiebt sich auch die Rolle von Schlafcoaches. Sie sind nicht nur Begleiter individueller Veränderungsprozesse, sondern immer auch Multiplikator und Unterstützer für ein bestimmtes Systemverständnis. Sie entscheiden mit, ob Schlafprobleme als individuelles Optimierungsthema wahrgenommen werden, oder als Ausdruck systemischer Fehlstrukturen. Was aber können sie tun?

SPP – Coach und das System

Schule und Arbeitgeber, stehen hier beispielhaft für Aktivitäten, die auch der Coach begleiten kann. Jede Schule, wie auch jeder Arbeitgeber, kann dieses System für sich selbst verändern. Schulen können Schulbeginnzeiten verändern, Arbeitgeber können chronotypenbasierte Arbeitszeiten unterstützen. Nicht selten ist ein Klient der erste Schnittpunkt zum Unternehmen, und es liegt am Coach, diesen zu motivieren, den Kontakt zum Unternehmen oder zur Schule herzustellen. Vorträge und Workshops können ein Angebot sein, um Lösungsszenarien auszuarbeiten. Wir haben genau hierzu auch Grundlagen in die Ausbildung zum „ChronoCoach“ integriert, damit der Coach in Kooperation auch mit Verantwortlichen aus BGM, HRM oder Betriebs-/Schulpsychologen Maßnahmen entwickeln kann.

Fazit zu SPP

Die Aufgabe des Coaches muss sich also aus der Individualbetreuung heraus bewegen, um Verhältnisse angehen zu können und das System nicht nur selbst zu unterstützen. Langfristig wird sich daran entscheiden, welche Richtung die Coachingbranche einschlägt. Bleibt sie im Modus der Anpassung, wird sie bestehende Systeme stabilisieren. Öffnet sie den Blick für strukturelle Ursachen, kann sie zu einem Treiber von Veränderung werden.

Denn letztlich lässt sich die zentrale Feststellung nicht umgehen:

Wenn ein System funktioniert, weil Menschen lernen, sich dagegen zu regulieren, wird der Coach zum Verstärker des Systems, wenn er ausschließlich diesen Lernprozess unterstützt.

Interesse an mehr (kritischen) Themen zu Schlaf und Chronobiologie? Abonniert gerne meine „ChronoCoach-Update“.

https://www.wieden.com/newsletter-chronocoach-update/