Schlaf – das Ende des Tages oder doch der Anfang?

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Wann endet ein Tag? Für die meisten von uns ist die Antwort ziemlich eindeutig: irgendwann am Abend, spätestens wenn wir schlafen. Wir beenden unsere Arbeit, erledigen noch ein paar Dinge, bringen vielleicht die Wohnung in Ordnung (vielleicht!), schauen noch eine Folge einer Serie und irgendwann gehen wir schlafen. Damit ist der Tag abgeschlossen. Das klingt selbstverständlich, und irgendwie verbinden wir den Schlaf automatisch mit der „Erholung vom Tag“, von der Arbeit, vom Stress, von Kindern etc. Die gewohnte Reihenfolge:

Tag → Leistung → Nacht → Schlaf

Bereit für einen Perspektivwechsel?

Was wäre, wenn wir den Schlaf als Beginn vom Tag ansehen würden, also als „Start in den Tag“? Der Schlaf räumt also nicht einfach den vergangenen Tag auf, er bereitet den Tag vor. Die neue Reihenfolge:

Nacht → Schlaf → Tag → Leistung

Das klingt zunächst nur nach einer anderen Darstellung. Tatsächlich verändert es aber die Bedeutung des Schlafs auch in Sachen Mindset grundlegend.

3 Shades of Tag und Nacht

Zunächst müssen wir einmal „Tag“ definieren, denn es gibt drei unterschiedliche Sichtweisen darauf, was wir „Ende des Tages“ und „Beginn des Tages“ definieren.

  1. Die Sichtweise von Helligkeit (Tag) und Dunkelheit (Nacht). Der Tag endet mit der Dunkelheit und beginnt mit der Helligkeit
  2. Die gemessene Sichtweise von Tag. Der Tag endet mitten in der Nacht um 24.00 Uhr, und beginnt um 0.00 Uhr, was … schon etwas schräg ist.
  3. Der subjektive Tag. Den werden die wenigsten kennen. Er ist ein Begriff aus der Wissenschaft der Chronobiologie. Er beginnt mit dem biologischen Switch des Körpers von Regeneration auf Aktivität. Cortisol unterdrückt Melatonin, etc.

Wir sehen daran, dass es keineswegs so klar ist, ob der Tag nun mit dem Schlaf beginnt oder mit ihm endet, wenn der Begriff „Tag“ schon so genau nicht definiert ist. Noch eines on top: Wenn wir den Begriff „Tag“ als 24-h-Zyklus sehen, beinhaltet er gleichzeitig auch die Nacht – also Tag und Nacht gleichzeitig.

Der Schlaf als Vorbereitung

Bei vielen Tätigkeiten ist es für uns selbstverständlich, dass Vorbereitung Teil der eigentlichen Leistung ist. Ein Sportler wärmt sich auf, bevor er seine Leistung erbringt. Ein Pilot bereitet sich und das Flugzeug vor, bevor der Flug beginnt. Ein Musiker stimmt sein Instrument, bevor das Konzert beginnt. Niemand würde auf die Idee kommen, diese Zeit als verlorene Zeit zu bezeichnen. Doch genau das passiert, wenn wir den Schlaf ans Ende des Tages hängen, wir sehen ihn als verlorene Lebenszeit, die wir mit dem Tag bzw. dem Wachsein assoziieren. Deswegen liegen wir mit Smartphone scrollend im Bett, sehen noch eine weitere Folge der Serie an und gehen nochmals an den Kühlschrank – nur nicht das „Leben“ verpassen.

Aber was passiert, wenn wir den Blick in die andere Richtung wenden, nicht zurück auf den vergangenen Tag, sondern nach vorne auf den kommenden? Dann wird aus Schlaf plötzlich eine wertvolle Vorbereitungsphase.

Der subjektive Tag ist nicht unsere Uhrzeit

Kurz zum subjektiven Tag: Die Vorstellung eines Tages als klar abgegrenzter Zeitraum von 0 bis 24 Uhr,ist ohnehin eine gesellschaftliche Vereinbarung. Die Chronobiologie bzw. die Natur kennt eine andere Perspektive. Sie unterscheidet zwischen dem äußeren, sozialen Tag und dem subjektiven beziehungsweise biologischen Tag. Der subjektive Tag beschreibt dabei nicht einfach die Uhrzeit, sondern die Phase, die vom circadianen System als Tag, oder besser als Aktivität organisiert wird. Entsprechend gibt es auch eine subjektive Nacht. Diese beiden Phasen müssen nicht exakt mit unserer Uhr übereinstimmen. Besonders klar wird es bei nachtaktiven Tieren. Deren subjektiver Tag liegt in der Phase der Dunkelheit, also der Nacht.

Das ist insbesondere beim Chronotyp offensichtlich. Was für den einen Menschen bereits tiefe Nacht ist, kann für einen anderen noch Teil seines biologischen Tages sein, und umgekehrt. Der biologische Tag beginnt und endet also nicht einfach deshalb, weil eine Uhr eine bestimmte Zahl anzeigt, sondern wird durch Körperprozesse definiert, die auf Regeneration oder Aktivität basieren und maßgeblich über den SCN (Nucleus suprachiasmaticus) gesteuert werden.

Der kuriose Fall Mitternacht

Besonders deutlich wird dieser Unterschied bei Menschen, die spät zu Bett gehen. Wer um 00:30 Uhr ins Bett geht, hat nach unserer Kalenderzeit bereits den neuen Tag erreicht. Übrigens ist dies bei über 70 % der Menschen der Fall … zumindest aus biologischer Sicht, in der Sommerzeit bei über 80 %. Biologisch startet seine subjektive Nacht mit dem DLMO in der Regel 2 bis 2,5 h vor dem Einschlafen. Wir beginnen den neuen Kalendertag in diesem Fall also kurz nach dem Beginn unserer biologischen Nacht. 00:00 Uhr ist ein administrativer Schnitt. Kein biologischer.

Es ist eigentlich erstaunlich: Wir haben einen Zeitpunkt festgelegt, an dem der neue Tag beginnt, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht an seinem biologischen Tag angekommen ist. Für die meisten Menschen beginnt dieser kopftechnisch mit dem Aufwachen, nicht aber für den Körper.

Und damit wird eine scheinbar banale Frage plötzlich interessant: Wenn es einen subjektiven Tag und eine subjektive Nacht gibt – welche dieser beiden Phasen kommt eigentlich zuerst?

Erst die Nacht oder erst der Tag?

Das Spannende daran ist ja auch, dass wir Abends sagen „Der Tag geht zu Ende“ – bedeutet genaugenommen, dass alles was jetzt kommt, schon Teil des neuen Tages ist. Bevor es künstliches Licht gab, musste niemand einen Tag künstlich beenden. Licht und Dunkelheit waren keine Abschnitte eines Kalenders, sondern elementare Bedingungen des Lebens. Und aus dieser Perspektive erscheint die Nacht nicht als das, was nach dem Tag übrig bleibt. Sie ist eine eigene biologische Phase, die den Körper auf den kommenden Tag vorbereitet. Am Ende steht eine Frage: Was war zuerst da: Die Nacht oder der Tag? In der Geschichte des Universums war, laut aktueller Forschung, wohl erst die Dunkelheit da, was unser kleines Denkmodel unterstützt.

Ein kleiner Wechsel im Denken

Mein Ziel hier ist es nicht die Wissenschaft zu bemühen, sondern über dieses eher philosophische Denkangebot dem Schlaf schlicht den Platz auf dem mentalen Podest zu geben, den er verdient. Vielleicht brauchen wir genau deshalb eine andere Perspektive auf ihn.

Zudem: Auch Worte beeinflussen, wie wir etwas betrachten. „Schlaf“ beschreibt einen Zustand, „Regeneration“ hingegen beschreibt bereits eine Funktion. Regeneration bereitet auf etwas vor, baut auf, sammelt neu, und fokussiert sich auf den Zeitpunkt „x“, zu dem wir die Augen öffnen.

Schlaf ist für mich DayPrep, und nicht lediglich das Aufräumen nach einer Party. Nicht der Tag überreicht den Besen an den Schlaf, sondern der Schlaf den Staffelstab an den Tag.

Wir schlafen nicht, um den Tag zu beenden. Wir schlafen, um den Tag vorzubereiten.

Bereit für einen Perspektivwechsel?