Iss Fisch, und du wirst zum Frühtypen!

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Eine kürzlich veröffentlichte japanische Studie kommt zu einem Ergebnis, das geradezu nach einer populärwissenschaftlichen Longevity-Schlagzeile schreit:

Das Regebnis in a nutshel: Wer mehr Fisch beziehungsweise EPA und DHA konsumiert, insbesondere zum Frühstück, ist eher ein früher Chronotyp. Daraus ließe sich schnell die Botschaft machen:

Fisch zum Frühstück macht zum Frühaufsteher.

Nur: Genau das zeigt die Studie nicht.

Und bei genauer Betrachtung ist die Studie trotzdem interessant, allerdings aus einem etwas anderen Grund. Und bevor nun entsprechende Experten Fischrezepte in SM verbreiten, meine Analyse der Studie.

Was wurde überhaupt untersucht?

Die Forscher werteten Daten von 5.975 Erwachsenen aus Japan aus. Die Ernährungsdaten stammten aus der japanischen Ernährungs-App Asken. Untersucht wurde insbesondere, wie viel Seafood sowie EPA und DHA die Teilnehmer zu verschiedenen Tageszeiten konsumierten.

Für die Bestimmung des Chronotyps wurde der Munich ChronoType Questionnaire (MCTQ), jedoch in abgeänderter Form als Ausgangspunkt verwendet. Darauf kommen wir noch später. Entscheidend beim MCTQ ist dabei der sogenannte MSFsc – Mid-Sleep on Free Days, sleep corrected. Vereinfacht gesagt wird dafür zunächst die Schlafmitte an freien Tagen bestimmt. Dabei geht der MCTQ von einem biologischen Schlafbedarf von 8h aus. Wer beispielsweise um 23 Uhr einschläft und um 7 Uhr aufsteht, hat eine Schlafmitte von 3 Uhr.

Der MCTQ berücksichtigt anschließend den möglichen „Nachholschlaf“ an freien Tagen und korrigiert die Schlafmitte entsprechend. Der MSFsc dient damit als kontinuierliches Maß für den Chronotyp. Der MCTQ basiert also nicht auf einer subjektiven Frage wie „Sind Sie eher Morgen- oder Abendmensch?“, sondern auf den tatsächlichen, allerdings selbstberichteten, Schlafzeiten der letzten 6 Wochen.

Und genau hier beginnt die erste wichtige Einschränkung.

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Kein objektiv gemessener Chronotyp

Die Chronotypbestimmung dieser Studie basiert nicht aus den Wearable-Daten, was prinzipiell seltsam ist, weil dies objektiver wäre, als ein subjektiv ausgefüllter Fragebogen. Bestenfalls wäre hier ein Übereinanderlegen erfolgt, um die Validität zu verbessern. Die Schlafzeiten, aus denen der MSFsc berechnet wurde, wurden von den Teilnehmern angegeben in 30-Minuten-Schritten, was auch problematisch sein kann, weil dadurch fast 60 Minuten Ungenauigkeit im Vergleich untereinander entstehen

Aber man sollte trotzdem zudem sauber zwischen den Begriffen unterscheiden: MSFsc ist ein gut etablierter Chronotyp-Proxy, keine direkte Messung der inneren circadianen Uhr. Noch weniger ist der MSFsc mit einer direkten Messung der circadianen Phase wie beispielsweise der DLMO gleichzusetzen. Untersuchungen zeigen zwar Zusammenhänge zwischen MSFsc und DLMO, aber keine perfekte Übereinstimmung.

Besonders interessant: Die Studie verwendet nicht die klassische Einteilung:

  • Frühtyp
  • Normaltyp
  • Spättyp

Stattdessen wurde die Stichprobe anhand des MSFsc in vier gleich große (!) Quartile geteilt:

Early – Moderately early – Moderately late – Late.

Es gab also quasi keinen „Normaltyp“ im Sinne einer gaußschen Verteilung, wie beim MCTQ selbst. Das erste Viertel der Stichprobe wurde zum „Early“-Typ, das letzte Viertel zum „Late“-Typ.

Die medianen MSFsc-Werte lagen bei:

  • Early: 01:47 Uhr (Bedeutet 21.47 Einschlafzeit)
  • Moderately early: 02:04 Uhr (Bedeutet 22:04 Uhr Einschlafzeit)
  • Moderately late: 03:36 Uhr (Bedeutet 23:36 Uhr Einschlafzeit)
  • Late: 04:51 Uhr (Bedeutet 00:51 Uhr Einschlafzeit)

Das ist ein entscheidender Punkt für die Interpretation.

Denn „Early“ bedeutet hier nicht: „Dieser Mensch ist nach einer allgemein gültigen Definition ein Frühchronotyp.“ Es bedeutet zunächst einmal: Dieser Mensch gehört zu den 25 Prozent mit der frühesten Schlafmitte in dieser japanischen Stichprobe.

Die Einteilung ist damit relativ zur untersuchten Population. Zum Vergleich: Der späteste Typ in der Population der Japanischen Studie, entspricht noch einem Normaltyp in Deutschland. Spannend zudem: In unseren Projekten erstreckt sich die Spanne zwischen dem frühesten und dem spätesten Chronotyp (gemessen mit dem RNA-Test) über 13,5 h. In dieser Studie, bei fast 6000 Personen, zumindest zwischen den jeweiligen frühesten und spätesten Medianwert von gerade einmal 3h.

Bodyclock RNA Test

Und nun zum allgegenwärtigen Henne-Ei-Problem

Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen Fisch/EPA/DHA und einem früheren MSFsc. Aber was ist Ursache und was Wirkung? Nehmen wir zwei mögliche Szenarien.

Szenario 1: Fisch beeinflusst den Chronotyp

EPA und DHA könnten über verschiedene biologische Mechanismen Einfluss auf circadiane Prozesse nehmen. Dann wäre denkbar: EPA/DHA → circadiane Regulation → früherer Schlaf-Wach-Rhythmus. Das wäre ausgesprochen interessant.

Szenario 2: Der Chronotyp beeinflusst das Essverhalten

Genauso plausibel ist aber: früher Chronotyp → früheres Aufstehen → frühes Frühstück → andere Lebensmittelwahl → mehr Fisch/EPA/DHA. Dann wäre der Fisch nicht die Ursache des frühen Chronotyps. Er wäre vielmehr Teil eines Lebensstilmusters, das mit einem frühen Chronotyp verbunden ist.

Und es gibt noch ein drittes Szenario:

Szenario 3: Ein weiterer Faktor beeinflusst beides

Zum Beispiel: Lebensstil → früher Chronotyp + frühere Mahlzeiten + andere Ernährung. Damit wäre der beobachtete Zusammenhang real, aber der Fisch selbst wäre nicht notwendigerweise der Auslöser. Genau diese drei Möglichkeiten kann eine Querschnittsstudie nicht auseinanderhalten.Die Autoren selbst weisen deshalb darauf hin, dass aus ihren Daten keine Kausalität abgeleitet werden kann.

Besonders problematisch: „Frühstück“ ist keine biologische Zeitangabe

Aus chronobiologischer Sicht ist außerdem interessant, dass die Ernährung nach Mahlzeiten kategorisiert wurde.

Frühstück, Mittagessen, Abendessen und Snack. Das ist für eine Ernährungsstudie vieleicht praktisch, für eine chronobiologische Einschätzung aber bei weitem nicht valide. Denn ein Frühstück um 5:30 Uhr ist biologisch etwas anderes als ein Frühstück um 10:30 Uhr. Wenn wir wissen wollen, ob Nahrung als Zeitgeber wirkt, interessiert uns eigentlich: Wann genau relativ zur individuellen circadianen Phase wurde gegessen? Die Kategorie „Frühstück“ beantwortet diese Frage nicht. Damit bleibt eine wichtige Dimension der Chrononutrition unberücksichtigt.

Japan ist dabei kein unwichtiger Nebensatz

Und hier kommt ein Aspekt hinzu, der bei der Interpretation solcher Studien häufig unterschätzt wird, Land und Kultur. Die Studie wurde in Japan durchgeführt. Das ist nicht einfach eine austauschbare Stichprobe von „Menschen“. Japan besitzt eine spezifische Esskultur. Fisch und Meeresprodukte sind traditionell deutlich stärker in der Ernährung verankert als beispielsweise in Deutschland. Gleichzeitig unterscheiden sich Frühstückskultur, Mahlzeitenstruktur, Arbeitszeiten, soziale Zeitgeber und Lebensgewohnheiten zwischen Japan und Mitteleuropa.

Wenn nun ein Zusammenhang zwischen frühem Chronotyp und Fischkonsum gefunden wird, muss man deshalb zumindest die Frage stellen: Messen wir hier einen biologischen Effekt von EPA/DHA – oder teilweise auch ein kulturell geprägtes Tagesmuster, das zudem zwischen ländlichen Küstengebieten mit höherem Fischanteil in der Ernährung und Großstädten mit anderem Essverhalten und zudem ganz anderer Sonnenlichtexposition, völlig voneinander abweicht?

Das bedeutet nicht, dass der Befund deshalb wertlos wäre, im Gegenteil. Er bietet nur keine valide Grundlage für eine Einschätzung in Bezug auf die Ausprägung der Schlaf-Wach-Rhythmik.

Der Zeitzoneneffekt

Nicht zuletzt zeigt sich in Japan eine interessante Eigenheit, z.B. auch gegenüber Deutschland. Die Fläche Japans überzieht drei Zeitzonen, wobei es aber in Japan nur eine gemessene Zeit gibt, die JST (UTC+9). Das bedeutet, dass bei gleicher Uhrzeit im Osten, wenn die Sonne aufgeht, es im Westen noch ca. 128 Minuten dauert, bis sie dann dort ebenfalls aufgeht. Auch dieser Effekt wird in der Studie nicht aufgelöst. Bei einer Gesamtspanne von 3h zwischen der frühesten und der spätesten Gruppe, sind diese 128 Minuten keine Kleinigkeit bei der Bewertung einer „natürlichen“ Schlafmitte.

Die Stichprobe dieser japanischen Studie weist, wie schon angedeutet, zudem eine auffallend frühe MSFsc-Verteilung auf. Ob dies eine Besonderheit der japanischen Bevölkerung, der untersuchten Region, der Jahreszeit, der Stichprobenauswahl, der Zeitzonen-/Uhrzeit-Thematik oder der verwendeten App-Population ist, lässt sich aus der Studie nicht ableiten.

Es wäre spannend, hob sich hier nicht auch ein Ost-West-Trend zeigen würde, was der Aussagekraft der Studie erheblich dienen würde.

Ein Blick nach Deutschland

Der MCTQ wurde ursprünglich in Deutschland entwickelt und verfügt deshalb über eine außergewöhnlich große Vergleichsdatenbasis. In einer deutschen MCTQ-Population mit mehr als 51.000 Personen lag der durchschnittliche MSFsc bei ungefähr 04:27 Uhr. Die Chronotypverteilung ist dabei nicht einfach in drei sauber voneinander getrennte Gruppen aufgeteilt. Sie bildet vielmehr eine breite Gaußsche Verteilung über den gesamten Tag, mit wenigen extrem frühen und extrem späten Typen und einer großen Zahl dazwischen. Die große MCTQ-Datenbank zeigt eine annähernd normalverteilte, leicht zu späteren Typen verschobene Verteilung.

Das ist für die japanische Studie relevant. Denn deren vier Gruppen sind Quartile der japanischen Stichprobe. Man kann also nicht einfach sagen: „Die japanische Early-Gruppe entspricht dem deutschen Frühchronotyp.“ Dafür müsste man die tatsächlichen MSFsc-Verteilungen beider Populationen direkt vergleichen und möglichst Alter, Geschlecht, Arbeitszeiten, geografische Lage und andere Einflussgrößen berücksichtigen.

Was bleibt also tatsächlich übrig?

Meiner Ansicht nach ist die wissenschaftlich sauberste Aussage deutlich weniger spektakulär als die plakative Schlagzeile:

In dieser japanischen Stichprobe war ein höherer Konsum von Seafood beziehungsweise EPA/DHA insbesondere zu frühen Mahlzeiten mit einem früheren, über den MCTQ bestimmten Schlafzeitpunkt und teilweise mit weniger Social Jetlag assoziiert. Dabei wurde „früh“ nicht zeitlich definiert, und könnte somit auch relativ im Vergleich zur Gesamtpopulation definiert werden. Aber Klarheit besteht nicht.

Das ist zwar ein interessanter Befund, aber daraus folgt nicht „Fisch macht Menschen zu Frühtypen“, und schon gar nicht „Wer früher aufstehen möchte, sollte Fisch zum Frühstück essen“.

Dafür bräuchten wir eine Interventionsstudie. Zum Beispiel müsste man Menschen mit vergleichbarem Chronotyp zufällig verschiedenen Ernährungsbedingungen zuordnen und anschließend über längere Zeit messen, ob sich ihre circadiane Phase tatsächlich verändert. Idealerweise würde man dabei nicht nur Schlafzeiten erfassen, sondern zusätzlich objektive Schlafdaten und einen biologischen Marker der circadianen Phase. Erst dann könnten wir die entscheidende Frage beantworten:

Verändert EPA/DHA den Chronotyp, oder essen Menschen unterschiedlichen Chronotyps einfach unterschiedlich?


Mein Fazit

Die Überschrift „Fisch = macht den Chronotyp früher“ wäre wissenschaftlich zu platt. Die Studie zeigt etwas anderes und meines Erachtens Interessanteres: Chronotyp und Ernährung scheinen zeitlich miteinander verbunden zu sein, was aber prinzipiell nichts Neues ist. Ob dabei der Chronotyp das Essverhalten beeinflusst, das Essverhalten die circadiane Organisation beeinflusst oder beide von gemeinsamen Umwelt- und Lebensstilfaktoren geprägt werden, bleibt offen, was auch nichts prinzipiell Neues ist.

Das Studiensetting erlaubt in Verbindnung mit den fehlenden Informationen, nur extrem geringfügige Evidenz zu einem möglichen kausalen Zusammenhang, vor allem bezogen auf den gemeinen Mitteleuropäer, oder gar den Deutschen.

Und genau deshalb würde ich die Studie nicht als Beweis für einen „Fisch-Effekt“ auf die innere Uhr lesen, sondern lediglich als einen weiteren Hinweis darauf, dass Chronotyp, Schlaf, Ernährung und der Zeitpunkt unserer Mahlzeiten nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können.

Ergo … Entwarnung an alle Veganer: Der Fisch wird durch die Studie nicht zum Rettungsanker in Sachen früher Chronotyp.

Quelle:

https://www.jstage.jst.go.jp/article/jnsv/72/4/72_272/_pdf/-char/en