Longevity – Die Geister, die wir rufen

Lesedauer 6 Minuten

Longevity verspricht uns mehr gesunde Lebensjahre. Doch was passiert, wenn wir dadurch auch länger leben, und tatsächlich 90, 100 oder sogar 110 Jahre alt werden? Denn ein längeres Leben bedeutet möglicherweise auch, dass wir unsere Generation überleben, Freunde und Weggefährten verlieren und mit einer völlig neuen sozialen Realität des Alters konfrontiert werden. Und auch finanziell stellt sich eine unbequeme Frage: Wer bezahlt die zusätzlichen 10, 20 oder 30 Lebensjahre, wenn das Einkommen längst endet? Je erfolgreicher Longevity wird, desto stärker müssen wir deshalb darüber nachdenken, was ein langes Leben gesellschaftlich, sozial und wirtschaftlich bedeutet. Vielleicht ist die entscheidende Longevity-Frage am Ende gar nicht, wie lange wir gesund leben können, sondern ob unsere Systeme darauf vorbereitet sind, dass wir es tatsächlich tun. Ich habe mir dazu einmal Gedanken gemacht.

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Vom „gesund leben dürfen“ zum „gesund leben müssen“

Die Ärztekammer Hamburg vergibt inzwischen Fortbildungspunkte in Sachen „Longevity“. Mit Hochgeschwindigkeit hat dieses Thema den Markt erobert. Möglichst lange gesund, geistig fit und selbstbestimmt bleiben. Wer wollte das nicht?

Longevity ist deshalb eines der großen Zukunftsthemen unserer Zeit. Investoren stecken Milliarden in Forschung, Start-ups verkaufen Supplements, Diagnostik und Biohacking, und eine wachsende Zahl von Menschen versucht, den Alterungsprozess möglichst weit hinauszuzögern.

Doch bei aller Begeisterung für zusätzliche Lebensjahre stellt sich eine unangenehme Frage:

Was passiert eigentlich, wenn wir die Lebenszeit gesünder leben sie dadurch sogar verlängern, ohne gleichzeitig die sozialen, finanziellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für dieses längere Leben zu schaffen? Vielleicht rufen wir gerade Geister, mit denen wir uns noch gar nicht beschäftigt haben. Wollen wir dann noch länger leben?

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1. Kurzhistorie der Entstehung von Longevity

Der Wunsch, länger zu leben, ist natürlich nicht neu. Der Begriff „Longevity“ ist, laut Oxford English Dictionary (OED), bereits in Schriften aus dem 16. Jahrhundert zu finden. Was sich verändert hat, ist die Perspektive.

Die moderne Longevity-Bewegung entstand deshalb nicht allein aus der klassischen Altersforschung. Einen erheblichen Schub bekam sie durch eine ungewöhnliche Verbindung: Biotechnologie traf auf die Denkweise des Silicon Valley.

Während die Medizin traditionell Krankheiten behandelt, begann eine neue Generation von Unternehmern und Investoren eine andere Frage zu stellen: Warum bekämpfen wir Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und Demenz einzeln, wenn das Alter selbst einer der wichtigsten gemeinsamen Risikofaktoren ist?

  1. Bereits 2006 investierte der PayPal-Mitgründer und Investor Peter Thiel in die Methuselah Foundation des Altersforschers Aubrey de Grey. Einige Jahre später begann Google, sich deutlich stärker mit diesem Thema zu beschäftigen.
  2. 2009 gründete Google seinen eigenen Venture-Capital-Arm Google Ventures, heute GV. Einer der prägenden Köpfe dort war Bill Maris. Aus seinem Umfeld entstand schließlich die Idee für Calico – die California Life Company.
  3. 2013 machte Google daraus ein eigenes Unternehmen. Gemeinsam mit dem Biochemiker Arthur Levinson sollte Calico die biologische Grundlage des Alterns erforschen und daraus möglicherweise Interventionen entwickeln, die Menschen länger gesund leben lassen. Google stellte dafür langfristige Finanzierung bereit.

Das war mehr als die Gründung eines weiteren Biotech-Unternehmens. Das war ein Paradigmenwechsel, den die wenigsten kennen.

Die Technologiebranche begann, Alterung ähnlich zu betrachten wie andere große technische Herausforderungen: als komplexes System, dessen Funktionsweise man verstehen, modellieren und möglicherweise verändern kann. Hinzu kam eine Denkweise, die im Silicon Valley ohnehin verbreitet war: Wenn ein Problem technisch lösbar erscheint, warum sollte man es als unveränderliche Tatsache akzeptieren?

Ray Kurzweil, später selbst bei Google tätig, prägte diese Vorstellung besonders stark. In seinem Denken verschwimmen die Grenzen zwischen Biologie, Informationstechnologie, künstlicher Intelligenz und menschlicher Lebensverlängerung. Aus dieser Verbindung von Kapital, Technologie, Biotechnologie und einem ausgeprägten Zukunftsoptimismus entwickelte sich schließlich das, was wir heute als Longevity-Industrie bezeichnen. Unternehmen wie Calico, später Altos Labs und zahlreiche weitere Biotech- und Venture-Capital-Projekte verfolgen dabei unterschiedliche Ansätze – von der Erforschung der biologischen Alterungsmechanismen bis zur sogenannten Zellverjüngung.

Damit hat sich auch die gesellschaftliche Erzählung verändert.

16. Jahrhundert: longevity = langes Leben / lange Lebensdauer

19./20. Jahrhundert: Langlebigkeit als Gegenstand von Demografie, Gerontologie und Altersforschung

ab ca. 2000: zunehmende Verbindung von Genetik, Biotechnologie und Altersforschung

ab 2010er: Silicon Valley, Google/Calico, Venture Capital → Longevity als Technologie- und Investitionsfeld

Natur als Teil der Lösung hat hier übrigens kaum eine zentrale Rolle gespielt.

Es geht also nicht mehr ausschließlich darum, Krankheiten des Alters zu behandeln, es geht zunehmend darum, Alterung selbst zu beeinflussen, und damit möglicherweise die Grenze zwischen Healthspan und Lifespan neu zu definieren. Genau an diesem Punkt beginnt das heutige Longevity-Paradoxon.

2. Longevity heute

Die Grundidee ist durchaus plausibel: Ein gesunder Lebensstil erhöht nachweislich auch die Wahrscheinlichkeit, länger zu leben. Menschen mit günstigen Lebensgewohnheiten haben im Durchschnitt nicht nur mehr gesunde Jahre, sondern auch eine höhere Lebenserwartung.

Das Problem liegt deshalb nicht in der Idee von Longevity selbst, das Problem liegt in der Verkürzung auf die positiven Effekte. Denn wenn Longevity lediglich bedeutet, die biologische Lebensspanne zu verbessern und zu verlängern, betrachten wir nur einen Teil der Rechnung. Denn ein Mensch kann körperlich und geistig außergewöhnlich lange leistungsfähig bleiben, und trotzdem irgendwann vor völlig anderen Problemen stehen.

Ich musste darüber nachdenken, als meine Frau das erste Mal einem Kunden gewann, den sie in Deutschland betreute. Er war damals knapp 100, heute ist er 103 Jahre alt. Vermögend, prominent, körperlich und geistig erstaunlich fit. Eigentlich ein Musterbeispiel für erfolgreiches Altern. Und doch hatte sein langes Leben eine Kehrseite. Seine Frau war bereits tot und seine Freunde waren praktisch alle verstorben. Eine gleichaltrige Beziehung aufzubauen und Menschen seiner Generation, mit denen er Erinnerungen, Erfahrungen und einen gemeinsamen zeitgeschichtlichen Horizont teilen kann, ist also schlicht unmöglich. Sein Sohn selbst ist bereits über 70.

Lediglich seine Prominenz sorgte dafür, dass er weiterhin ab und zu wahrgenommen wird. Aber sie konnte etwas Grundsätzliches nicht verhindern: Die eigene Generation stirbt irgendwann weg.

3. Die Kehrseite der Medaille – sozial und finanziell

Das Beispiel zeigt eine Dimension von Longevity, die in der aktuellen Diskussion kaum vorkommt. Wir sprechen über Healthspan und Lifespan, aber nicht über SocialHealth.

Ein 100-Jähriger kann körperlich fit sein und trotzdem zunehmend Menschen verlieren, die seinen biografischen Erfahrungshorizont teilen. Das ist nicht einfach „Einsamkeit“. Es geht um Zugehörigkeit, gemeinsame Erinnerungen, Sprache, Humor, Erfahrungen und die Frage:

  • Wer versteht noch wirklich, was mich geprägt hat, was mich begeistert und bewegt?
  • Wer versteht meine Geschwindigkeit?
  • Wer versteht, dass ich vieles von dem nicht verstehe, das die heutige Zeit prägt?

Hinzu kommt die finanzielle Dimension. Wer mit 65 in den Ruhestand geht und weitere 20 oder 25 Jahre lebt, braucht entsprechende finanzielle Ressourcen. Was aber, wenn daraus 30 oder 35 Jahre werden? Wenn man sich die Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz das Renteneinstiegsalter zu erhöhen, ansieht, bekommt „Longevity“ plötzlich einen neuen Beigeschmack. Gesünder leben, nur um länger zu arbeiten?

Ein zusätzliches gesundes Lebensjahr ist zunächst ein Geschenk. Aber es ist auch ein zusätzliches Jahr, das finanziert werden muss. Wohnen, Ernährung, Versicherungen, Mobilität, Freizeit, soziale Teilhabe, alles kostet Geld, und die aktuelle Politik sorgt sich immer weniger darum. Für einen vermögenden Menschen kann ein langes Leben noch eine diesbezüglich weniger belastende Perspektive sein. Für jemanden, dessen Rente kaum für den bisherigen Lebensstandard reicht, kann dieselbe zusätzliche Lebenszeit zum Problem werden.

Longevity könnte damit paradoxerweise eine neue soziale Ungleichheit verstärken: Die einen kaufen sich zusätzliche gesunde Lebensjahre. Die anderen müssen sie sich leisten können.

4. Die Geister der Zukunft – Warum heute kein Longevity-Thema?

Genau hier liegt für mich das eigentliche Longevity-Paradoxon. Und das lässt sich sogar noch zuspitzen: Der typische Longevity-Kunde bis 65 Jahre, ist gerade deshalb attraktiv, weil er noch zahlungsfähig ist. Das Geschäftsmodell der Branche konzentriert sich damit zwangsläufig auf die Lebensphase, in der Geld vorhanden ist, aber nicht mehr auf die Lebensphase, in der die verlängerte Lebenszeit tatsächlich stattfindet. Dann fliegt er aus dem Attraktivitäts-Radar, und muss selbst sehen, wie er klarkommt.

Wir diskutieren also darüber, wie wir Menschen möglichst lange gesund halten können. Wir diskutieren aber viel weniger darüber, wie Menschen mit einem möglicherweise dadurch deutlich längeren Leben gesellschaftlich umgehen sollen. Was passiert mit unserem Rentensystem, wenn Menschen regelmäßig 90, 100 oder vielleicht noch älter werden? Sollen dann alle bis 80 arbeiten? Oder müssen wir künftig tatsächlich 40 Jahre arbeiten und anschließend 40 Jahre nicht mehr arbeiten? Was passiert mit Arbeit und Ruhestand Wie verändern sich Familienstrukturen, wenn drei oder sogar vier Generationen gleichzeitig leben, wenn Generationen in der Welt verstreut sind? Und was passiert mit den sozialen Beziehungen eines Menschen, der seine Generation um Jahrzehnte überlebt? Das sind keine theoretischen Fragen. Wenn Longevity erfolgreich ist, werden sie real. Vielleicht müssen wir deshalb den Begriff selbst erweitern.

Longevity darf nicht nur die Frage beantworten, wie lange wir leben.

Wir müssen auch fragen:

  • Wie lange können wir gesund leben?
  • Wie lange können wir unser Leben finanzieren?
  • Wie lange bleiben wir sozial eingebunden?
  • Und wie lange erleben wir unser Leben als sinnvoll und selbstbestimmt?

Eine lange Healthspan und LifeSpan ohne Financial-HealthSpan und Social-Healtsspan wäre jedenfalls eine ziemlich unvollständige Erfolgsgeschichte.

5. Ich habe Bock auf „Alter“

„Ich habe Bock auf Alter“ bedeutet deshalb mehr, als gesund alt zu werden. Es bedeutet, Bock auf die unbekannte Welt zu haben, in der dieses Alter stattfinden wird. Vielleicht müsste Healthy Ageing deshalb weniger vorgeben, wie wir im Alter leben sollen, und stärker unsere Fähigkeit fördern, auch in einer unbekannten Zukunft gesund, neugierig, lernfähig und selbstwirksam zu bleiben. Diese Komponente fehlt aktuell völlig. Wird sie aber nicht entwickelt, wird alles Longevity nicht helfen. Denn Longevity macht nur dann wirklich Freude, wenn wir nicht nur mehr Lebensjahre bekommen, sondern Lust auf das Leben haben, das uns in diesen Jahren erwartet, verbunden mit einer Veränderungskompetenz, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen muss.

Kurz: keine Konzepte, sondern Fähigkeiten.

6. Fazit

Longevity ist grundsätzlich eine attraktive Entwicklung, wenn man einmal einige weitere negative Aspekte ausser Acht lässt, die ich schon anderweitig angesprochen habe. Niemand sollte etwas dagegen haben, dass Menschen länger gesund und selbstbestimmt leben können.

Aber jede technische oder medizinische Möglichkeit verändert gleichzeitig die Bedingungen, unter denen Menschen leben. Vielleicht liegt deshalb die größte Herausforderung der Longevity nicht darin, den Menschen auf 100 oder 110 Jahre zu bringen, sondern darin, eine Gesellschaft zu schaffen, in der ein 100-jähriges Leben auch tatsächlich lebenswert, finanzierbar und sozial eingebunden sein kann. Wir optimieren heute möglicherweise unseren Körper für ein längeres Leben, ohne gleichzeitig unsere finanzielle und solziale Über-Lebensdauer zu optimieren.

Denn eines sollten wir nicht vergessen:

Wenn wir die Lebenszeit durch mehr Gesundheit, wie immer man sie auch definiert, verlängern, verlängern wir nicht nur die schönen Jahre. Wir verlängern in der Regel auch dadurch das gesamte Leben.

Und genau deshalb sollten wir uns heute schon fragen, welche Geister wir mit Longevity rufen.

Denn wenn sie erst da sind, wird es zu spät sein, darüber nachzudenken.