PISA – Ist Schule ein totes Pferd?

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Prolog: PISA (Programme for international Student Assessment), oder besser die „PISA-Studien“, werden seit 2000 jährlich von der OECD durchgeführt. Im Mittelpunkt stehen die Kompetenzbereiche Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Jedes Jahr werden ergänzende Kompetenzen wie Kreatives Denken (PISA 2022) oder Fremdsprachen (PISA 2025) untersucht.

Dieses Jahr (2026) sind die PISA-Ergebnisse für Deutschland jedoch ein besonderer Aufreger, denn die ERgebnisse sind alarmierend. Alle schreiben über PISA, wie man darauf reagieren solle, wo das Problem liege und was wer wann wo unbedingt umsetzen müsse. 2012 hatte ich in meinem ersten Buch „Liquid Work“ bereits die damalige Bildungssituation angeprangert und sogar ein alternatives Konzept vorgestellt. Letztes Jahr habe ich meine KI-Diskussion zur Generationengerechtigkeit in der Bildung veröffentlicht. Beides ist durch die PISA-Ergebnisse so aktuell wie nie zuvor.

Ich will mit meinem folgenden Artikel ein Thema ansprechen, was kaum einer der oben beschriebenen Reaktionen auf PISA auf dem Schirm hat – technologische Singularität.

Dieser Artikel ist meinem Beute-Enkel gewidmet.

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Ich bin Baujahr 1966 und gerade eben 60 geworden. Das Enkelkind meiner Frau, also mein „Beute-Enkel“, wurde im Dezember 2024 geboren. Wenn er einmal so alt sein wird wie ich heute, schreiben wir ungefähr das Jahr 2084. Wie wird diese Welt aussehen? Die ehrliche Antwort lautet: Wir haben nicht die blasseste Ahnung.

Schon die vergangenen 60 Jahre haben unsere Lebenswelt grundlegend verändert. 1966 gab es weder Internet noch Smartphones oder PCs, die Mondlandung stand noch bevor, Gentechnik und Digitalisierung spielten im Alltag keine Rolle, und mein zukünftiges Traumauto lief vom Band.

Heute diskutieren wir über künstliche Intelligenz, Gen-Editing, Quantencomputer und Technologien, deren gesellschaftliche Auswirkungen wir selbst während ihrer Entwicklung kaum noch überblicken. Was hat sich währenddessen an dem wie Schule passiert, verändert, ausser das Deutschland in den PISA – ERhebungen kontinuierlich abrutscht?

Wenn wir über „Zukunft“ nachdenken, machen wir gedanklich häufig einen Fehler: Wir betrachten die Zukunft so, als würde Entwicklung ungefähr in der Geschwindigkeit weitergehen, die wir aus unserer Vergangenheit kennen. Genau das aber passiert nicht. Technologische Entwicklung verläuft in der Regel nicht linear. Fortschritte ermöglichen neue Fortschritte, Werkzeuge verbessern die Werkzeuge, mit denen wiederum die nächste Generation von Technologien entwickelt wird. Damit stellt sich für mich mit 60 gerade eine zunächst etwas abstrakte Frage:

Wenn wir den technologischen Wandel der vergangenen 60 Jahre als eine Einheit betrachten – wie viel Entwicklung könnte dann in den kommenden 60 Jahren stattfinden?

Nimmt man als stark vereinfachtes Gedankenmodell (z. B. basierend auf Moores Law oder ähnlichen Kurven) an, technologischer Fortschritt verdoppele sich etwa alle zehn Jahre, ergeben sechs Verdopplungen bereits den Faktor 64.

Aber natürlich ist „Fortschritt“ keine physikalische Einheit, die sich sauber messen lässt. Künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Energieversorgung, Medizin, Kommunikation oder gesellschaftliche Veränderungen entwickeln sich weder gleich schnell noch unabhängig voneinander. Die Rechnung ist deshalb keine valide Prognose, aber ein valides Gedankenexperiment.

Wann werden 60 Jahre zu einem Monat?

Drehen wir also die Frage einmal um. Wann könnte innerhalb eines exponentiellen Entwicklungsmodells in einem einzigen Monat ungefähr so viel Veränderung stattfinden wie zwischen 1965 und 2025?

Bei der vereinfachten Annahme einer Verdopplung alle zehn Jahre landet man ungefähr am Ende dieses Jahrhunderts. In dem zugrunde gelegten Modell läge dieser Punkt etwa um 2099, dann also wären die vergangenen 60 Jahre auf einen Monat eingedampft.

Beschleunigt sich nun nicht nur die Entwicklung, sondern verkürzen sich zusätzlich die Verdopplungszeiten, verschiebt sich dieser Zeitpunkt deutlich nach vorne. Das wird als „Superexponentialität“ bezeichnet.

Ray Kurzweil verbindet diesen Gedanken mit seiner These einer technologischen Singularität: einem Punkt, an dem technologische Veränderung so schnell wird, dass Menschen sie mit ihren heutigen Denk- und Anpassungsmechanismen kaum noch nachvollziehen können. Er geht davon aus, dass sich die Verdopplungszeit selbst halbiert. Dann erreichen wir diesen Punkt viel früher.

Wenn die Verdopplungszeit z. B. alle 20 Jahre halbiert wird: • Dann liegt dieser Kipppunkt vielleicht schon zwischen 2045–2070.

2045 – 60 Jahre Entwicklung die ich verfolgt habe, werden dann in weniger als einer Woche geschehen.

2045 – Mein Beute-Enkel wird dann 20 sein. Er wird seine Zukunft gar nicht mehr selbst ansatzweise antizipieren können.

2045 – Der Punkt, an dem der technologische Fortschritt so schnell ist, dass er für uns Menschen nicht mehr erfassbar ist.

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Was bedeutet das für PISA und die Bildung?

Schule ein totes Pferd?

Unser Bildungssystem stammt aus einer Zeit, in der Wissen vergleichsweise lange stabil blieb, und dabei laufend ergänzt wurde. Lehrpläne konnten entwickelt, Bücher geschrieben, Inhalte unterrichtet und Prüfungen Jahre später noch auf Grundlage dieses Wissens durchgeführt werden. Schon heute erleben wir jedoch etwas anderes.

Kinder und Jugendliche bewegen sich selbstverständlich durch digitale Oberflächen, bedienen Smartphones, Apps und zunehmend auch KI-Systeme. Gleichzeitig beobachten wir, dass Fähigkeiten wie längeres Lesen, konzentriertes Erfassen komplexer Texte oder eigenständige Recherche keineswegs automatisch mit dieser technischen Sicherheit wachsen. Hinzu kommt, dass Fahigkeiten nicht nur wegfallen, sondern sich verändern und neue Fähigkeiten hinzukommen, egal ob für unsere Spezies wichtig oder nicht. Ein Smartphone bedienen zu können, ist z.B. noch lange keine digitale Kompetenz.

Das wird mit KI noch dramatisch potenziert. Wer eine Frage einfach an ChatGPT stellt, bekommt innerhalb von Sekunden eine Antwort. Das ist bequem und unglaublich leistungsfähig. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass eine Fähigkeit verloren geht, die bisher ein wesentlicher Teil des Lernens war: selbst herauszufinden, woher Wissen kommt. Entdecken und Validieren … schon im klassischen Unterricht der letzten Jahrzehnte keine vermittelte Kompetenz, wird quasi noch weiter degeneriert, weil selbst der Weg auf dem das Wissen erworben wird, keine Rolle mehr spielt. Ds genau spiegelt sich gerade auch in Sachen „PISA“ wieder.

Welche Fähigkeiten dürfen wir also auf keinen Fall an KI auslagern, weil wir sonst irgendwann nicht mehr beurteilen können, was sie uns liefert?

PISA – Folgende Fähigkeiten werden (wieder) relevant?

Fähigkeit zu: Geduld, Recherche, Validierung etc.

Recherche gehört für mich ganz klar dazu. Aber Recherche allein wird nicht reichen. Mindestens ebenso wichtig wird die Validierungsfähigkeit sein. Denn wir bewegen uns auf eine Zeit zu, in der es immer schwieriger werden dürfte, Wahrheit, Manipulation, gezielt erzeugte Falschinformationen und täuschend echt produzierte Inhalte voneinander zu unterscheiden. Texte, Bilder, Stimmen und Videos lassen sich bereits heute künstlich so erzeugen, das sie nicht mehr zu erkennen sind. Entscheidend wird somit eine Fähigkeit, die sich für mich in einer einfachen Reihenfolge beschreiben lässt:

Recherche → Analyse → Validierung → Formulierung

Zuerst muss ich Informationen (also nicht nur eine!) selbst finden können. Dann muss ich verstehen, was ich gefunden habe, Zusammenhänge erkennen und unterschiedliche Aussagen gegeneinander abwägen. Anschließend muss ich überprüfen können, ob die Informationen tatsächlich tragen. Erst danach entsteht daraus eine eigene Aussage, die ich zudem so formulieren kann, dass sie verstanden wird.

Wenn wir bereits die Recherche an KI abgeben und anschließend auch Analyse, Bewertung und Formulierung übernehmen lassen, überspringen wir genau den geistigen Prozess, durch den Urteilskraft entsteht. Wir erhalten möglicherweise eine perfekt formulierte Antwort, ohne selbst nachvollziehen zu können, ob sie richtig ist.

Das Revival der Intuition

Für mich kommt noch eine weitere Fähigkeiten hinzu, die in unserem bisherigen Bildungssystem kaum Raum bekommen hat: Intuition.

Wer über längere Zeit selbst recherchiert, analysiert und validiert, sammelt nicht nur Wissen. Er entwickelt Erfahrung. Mit dieser Erfahrung entsteht zunehmend ein Gespür dafür, wenn etwas nicht zusammenpasst, eine Argumentation eine Lücke hat oder eine Information zwar überzeugend klingt, aber dennoch nicht stimmig ist. Intuition ist für mich deshalb kein Ersatz für Recherche oder kritisches Denken, sie entsteht exakt daraus, dass Wahrnehmung, Erfahrung und Wissen kritisch miteinander verbunden werden.

In Schule und Ausbildung wurde diese Form der Wahrnehmung bisher weitgehend dem rationalen Denken untergeordnet. Entscheidend war, Wissen aufzunehmen, richtig wiederzugeben und darauf basierend nachvollziehbar zu beweisen, wie man zu einem Ergebnis gekommen ist – Malen nach Zahlen. Das spiegelt sich auch in der Struktur der PISA-Erhebung wieder. Das eigene Gespür dafür, ob etwas stimmig ist, hatte kaum einen Platz.

In einer Zukunft mit immer größeren Informationsmengen und immer komplexeren Zusammenhängen könnte gerade die Verbindung entscheidend werden: ein geschulter Verstand, der recherchieren, analysieren und validieren kann, und eine ebenso geschulte Wahrnehmung, die bemerkt, wenn etwas trotz aller scheinbaren Plausibilität nicht stimmt.

Der Flaschenhals könnte der Mensch selbst werden

Als ich 2012 mein erstes Buch Liquid Work – Arbeit 3.0 schrieb, beschäftigte ich mich unter anderem mit den Kondratieff-Zyklen.

Schon damals vertrat ich die Auffassung, dass der entscheidende Flaschenhals nach dem großen Zyklus der Informationstechnologie weder Daten noch Energie oder klassische Gesundheit sein würde. Der Flaschenhals könnte der Mensch selbst werden, genauer gesagt: seine Psyche.

Technologien können sich theoretisch immer schneller entwickeln. Das menschliche Nervensystem, unsere Wahrnehmung, unsere sozialen Strukturen und unsere Fähigkeit, Veränderungen psychisch zu integrieren, folgen jedoch anderen Zeit- und Entwicklungsmaßstäben – siehe Evolution. Fälschlicherweise wird „Gewöhnung“ häufig als eine Art „High-Speed-Evolution“ angesehen, was zu fatalen Konsequenzen führen kann: Burnout, Depression bis hin zu Suizid. Gewöhnung ist nichts anderes als ein Notprogramm des Körpers, der Versuch, mit einer Veränderung klarzukommen. Quasi wie ein Notsromaggregat, was automatisch anspringt. Nur wie auch ein solches Aggregat nicht auf Dauer ausgelegt ist, ist es Gewöhnung auch nicht. Wir können uns an Lärm, Schlafdefizit oder sogar eine/n prügelnden/prügelnde Partner/Partnerin gewöhnen … die Schädigung fällt dabei aber nicht weg, es wird nur die Wahrnehmung zurückgefahren.

PISA – oder besser: „Quo vadis SCHULE?“

Wie viel Sinn macht also Schule noch, so wie wir sie kennen? Reiten wir weiter ein totes Pferd? Ich selbst habe für mich eine Idee bereits entwickelt, aber Ziel dieses Artikels ist nicht, diese Lösung zu präsentieren, darum geht es gar nicht. Ich will aufzeigen, dass wir gerade den heftigen Windzug spüren, den die Zukunft, als sie vor Jahren am Bildungssystem vorbeigerauscht ist, hinterlassen hat. Um ansatzweise Kinder wie meinen Beute-Enkel in den kommenden 20 Jahren zu überlebensfähigen Menschen heranwachsen lassen zu können, müssen wir alles loslassen, was wir aktuell mit Schule verbinden, denn die Uhr tickt, und es geht um eine ganze Spezies.

Wir können einem heute geborenen Kind unmöglich die richtige Bedienungsanleitung für das Jahr 2045 geben. Was wir ihm mitgeben können, ist die Fähigkeit, selbst zu denken, zu spüren, zu regulieren, zu recherchieren, zu prüfen, wahrzunehmen und zu einer eigenen Einschätzung zu gelangen, sie zu vertreten, aber immer wieder zu hinterfragen. Erinnert mich irgendwie an das, was Wissenschaft eigentlich sein sollte … aber nicht mehr ist.

Egal, wie sich unser Planet in 20 Jahren präsentieren wird … hoch technisiert oder wieder naturverbunden, oder beides intelligent miteinander verbunden … mein Beute-Enkel sollte damit klarkommen können.

Für mich beginnt Generationengerechtigkeit genau dort, völlig egal, was PISA sagt.

Quellen:

PISA-Ergebnisse 2026: https://www.dw.com/de/pisa-studie-2026-deutschland-ranking-ergebnisse-test-oecd-karin-prien/a-79157256