Solatubes vs Human Centered Lighting – zwei Antworten auf ein circadianes Beleuchtungsproblem.

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Im Folgenden wird stellvertretend für sogenannte Spiegeltunnelsysteme das Solatube-System beschrieben, da es zu den technologisch führenden Vertretern röhrenförmiger Tageslicht- bzw. Spiegeltunnelsysteme zählt. Die grundsätzlichen Überlegungen eines Spiegeltunnelsystems, lassen sich jedoch auch auf vergleichbare Systeme anderer Hersteller übertragen.

Zwei grundlegend unterschiedliche Ansätze versuchen, das gleiche Problem zu lösen: den Verlust echten Tageslichts in Innenräumen. Human Centered Lighting simuliert den natürlichen Tagesverlauf technisch und bleibt damit eine kontrollierte Nachbildung biologischer Signale. Solatubes hingegen transportieren echtes Sonnenlicht in das Gebäudeinnere und machen es dort nutzbar. Der Unterschied liegt nicht in der Helligkeit, sondern in der Herkunft des Lichts – Simulation versus physikalisch erhaltene Naturdynamik im architektonischen Raum.

Ausgangspunkt: Der Mensch lebt nicht mehr im Tageslicht

Der moderne Alltag spielt sich überwiegend in Innenräumen ab. Studien wie die „Indoor Generation“-Analysen von Velux zeigen eine Größenordnung von etwa 90–95 % Aufenthaltszeit in geschlossenen Gebäuden, speziell in den modernen Gesellschaften. Das bedeutet eine massive Abgrenzung zur natürlichen Lichtsituation, denn der Mensch ist kein lichtunabhängiges System. Seine innere Uhr ist zwar primär genetisch, muss aber mit einem externen Signal, dem Tagesgang, synchronisiert werden, ansonsten rutscht der Mensch in eine Situation, die in ihrer Extremausprägung als NON24-sleep-disorder bei bestimmten blinden Menschen bekannt ist. Hier greift der Schlaf-Wach-Rhythmus einzig auf die genetische Prädisposition zurück, die nicht zwangsläufig auf einem 24-h-Rhythmus basiert, sondern in der Regel bis zu 25-h-Rhythmen folgt. Die Konsequenz: Nach 12 Tagen lebt der NON24-Betroffene quasi spiegelverkehrt zum Tagesgang.

Wenn dieses Signal also fehlt oder verfälscht wird, entsteht eine schleichende Desynchronisation. Die circadiane Synchronisation basiert primär auf Lichtinformationen, die über spezialisierte Rezeptoren im Auge verarbeitet werden. Entscheidend ist nicht die subjektiv wahrgenommene Helligkeit im klassischen Sinn, sondern:

  • Intensität
  • spektrale Zusammensetzung
  • zeitlicher Verlauf

Innenräume liefern dieses Signal nur eingeschränkt oder verfälscht.

Das Resultat ist nicht zwangsläufig eine akute Dysfunktion, sondern eine dauerhafte Verschiebung physiologischer Rhythmen, mit den potenziellen Folgen auf Schlafqualität, Leistungsfähigkeit, hormoneller Steuerung und Regeneration. Diese werden nicht abgeschaltet, sondern falsch getaktet.

Chronobiologie-Seminar "Licht"

Fenster sind kein vollständiges Lichtsystem

Ein verbreiteter Irrtum in der Architektur ist die Gleichsetzung von Fensterfläche mit Tageslichtversorgung.

Physikalisch zeigt sich ein klares Muster: Die für die innere Uhr relevante Lichtintensität fällt mit zunehmender Entfernung vom Fenster stark ab. Bereits wenige Meter im Rauminneren erreichen oft nicht mehr die Schwellenwerte, die für eine stabile circadiane Signalwirkung notwendig sind.

Fenster erfüllen damit primär zwei Funktionen:

  • visuelle Verbindung zur Außenwelt
  • lokale Lichtversorgung im direkten Umfeld

Sie sind jedoch kein System zur flächendeckenden biologisch relevanten Lichtversorgung eines Raumes.

Human Centered Lighting (HCL) – die kontrollierte Simulation

Human Centered Lighting ist der Versuch, diesen Mangel technisch zu kompensieren. Dabei wird künstliches Licht so gestaltet, dass es den natürlichen Tagesverlauf simuliert:

  • kühle Lichttemperaturen am Morgen mit wachsende Blaulichtanteil
  • hohe Intensitäten am Tag
  • warme, reduzierte Lichtwerte im Verlauf des Nachmittags mit wachsendem Rotlichanteil

Vorteile von HCL

  • vollständig steuerbar
  • unabhängig von Architektur
  • skalierbar in nahezu jedem Gebäudetyp
  • gut in Smart-Building-Systeme integrierbar
  • gezielte Anpassung an Arbeitsprozesse möglich

Grenzen von HCL

  • bleibt eine Simulation, kein echtes Sonnenlicht
  • spektrale Feinstruktur ist technisch begrenzt
  • hohe Abhängigkeit von Steuerungssystemen
  • Gefahr einer Überoptimierung durch zeitliche Loslösung vom biologisches Referenzsystem „Tagesgang“
  • Je nach System potenzielle „flickeranfälligkeit“, selbst wenn dies nicht aktiv wahrgenommen wird

Solatubes – physikalische Lichtführung statt Simulation

Solatubes verfolgen einen grundsätzlich anderen Ansatz. Sie versuchen nicht, Tageslicht zu imitieren, sondern es physikalisch bestmöglich und „echt“ in Gebäude zu transportieren.

Das System besteht aus drei funktionalen Komponenten:

1. Optische Lichtkonzentration am Eintritt

Am Eintrittspunkt wird das Tageslicht über ein optisches Element, typischerweise ein 180°-Prisma, gebündelt und in eine gerichtete Lichtform überführt.
Der entscheidende Punkt ist hier, dass das Licht nicht nur eingefangen, sondern bereits vor dem Transport optisch strukturiert und konzentriert wird. Für den Daueraufenthalt unter Sonnenlicht wird eher problematische UV-Strahlung herausgefiltert.

2. Hochreflektiver Lichttransport

Das Licht wird anschließend durch röhrenförmige Kanäle geführt, deren Innenflächen extrem hohe Reflexionsgrade aufweisen.

Technisch relevant ist dabei:

  • nahezu verlustarme Reflexion
  • stabile Lichtführung über längere Strecken
  • Möglichkeit mehrerer Umlenkungen
  • Integration in mehrgeschossige Gebäude

Die Lichtverluste liegen, abhängig von Länge und Aufbau, im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Das ist entscheidend, weil es den Einsatz nicht auf kleine Dach-Raum-Szenarien beschränkt, sondern vor allem auf komplexe Gebäudestrukturen mit vielen Menschen erweitert.

3. Lichtaustritt im Raum, reale Tageslichtqualität

Am Austrittspunkt wird das Licht diffus in den Raum eingebracht. Solatubes liefern somit nahezu echtes Tageslicht, kein simuliertes Spektrum. Lediglich das UV-relevante Spektrum wird ausgefiltert, dazu gleich mehr.

In geeigneten Konfigurationen sind Beleuchtungsstärken von über 1000 Lux erreichbar, also im Bereich, der für die circadiane Regulation relevant ist.

Noch wichtiger: Dieses Licht trägt die natürliche spektrale Dynamik des Tages:

  • Morgenlicht – wachsender Blaulichtanteil, zunahme der Lichtintensität
  • Mittagsspektrum – gleichmäßiger Spektralverteilung, Sonne auf dem Höchstand
  • Abendlicht – wachsender Rotlichtanteil, einsetzende Dämmerung

Das System überträgt also neben der Intensität auch zeitlich abhängige spektrale Lichtzusammensetzung. Der Körper arbeitet also mit allen Sinnen mit realer Lichtsituation.

UV-Filterung

Im Umgang mit UV-Strahlung entsteht grundsätzlich ein Spannungsfeld zwischen biologischer Wirkung und potenzieller Belastung. Während Sonnenlicht im Außenraum zeitlich variabel und individuell regulierbar ist, verändert sich diese Dynamik in Innenräumen grundlegend: Hier geht es nicht um kurze Expositionen, sondern um lange Aufenthaltszeiten vieler Menschen unter konstanten Bedingungen. Genau deshalb kann UV-Strahlung nicht unverändert in Gebäudebereiche übertragen werden. Solatube-Systeme berücksichtigen diesen Umstand konstruktiv, indem UV-Anteile bereits am Eintritt durch die Materialeigenschaften der Optik reduziert und im weiteren Lichtpfad zusätzlich gedämpft werden. Das Ergebnis ist kein vollständiges Sonnenlichtspektrum, sondern ein gezielt modifiziertes Tageslicht, das auf sichere Daueranwendung in Innenräumen ausgelegt ist.

Steuerbarkeit und Hybridisierung

Solatubes sid keineswegs rein passive Systeme.

Sie können:

  • über Klappen oder Relais gesteuert werden
  • mit künstlicher Beleuchtung kombiniert werden
  • in Gebäudeleittechnik integriert werden

Damit entstehen hybride Lichtsysteme: Natürliches Tageslicht wird ergänzt, gedimmt oder situationsabhängig kombiniert. Der Unterschied zu HCL ist jedoch fundamental, denn die Basis bleibt reales Sonnenlicht, nicht eine digitale Lichtsimulation.

Was Solatubes leisten – und wo ihre Grenzen liegen

Leistungsfähigkeit:

  • Transport von echtem Tageslicht in fensterlose Räume
  • hohe Lichtintensität im biologisch relevanten Bereich
  • natürliche spektrale Dynamik
  • sehr hohe Energieeffizienz durch passive Lichtführung
  • geeignet für mehrgeschossige Gebäude

Grenzen:

  • abhängig von Sonnenlichtverfügbarkeit (Nacht bleibt Nacht)
  • geringere gestalterische Flexibilität (Design, Platzierung etc.) als rein künstlichen Systemen
  • Platzierung von Prismen auf der Aussenhaut notwendig
  • bauliche Integration erforderlich, bestenfalls über Neubau, aber auch nachträglich möglich.
  • keine vollständige Unabhängigkeit von Tageszeit und Wetter

Solatubes sind kein universelles Beleuchtungssystem, sondern eine infrastrukturelle Erweiterung der Gebäudehülle.

HCL vs. Solatubes – zwei völlig unterschiedliche Logiken

Der direkte Vergleich zeigt keine Konkurrenz, sondern zwei strukturell verschiedene Ansätze:

KriteriumHCLSolatubes
Lichtquellekünstlichnatürlich
PrinzipSimulationphysikalische Leitung
Steuerbarkeitsehr hochmittel (hybrid möglich)
Biologische Qualitätnachgebildetoriginal
Architekturabhängigkeitgeringhoch
Energieverbrauchaktivpassiv
SystemlogikSoftwareOptik + Architektur

Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern im Prinzip:

  • HCL versucht, Natur zu rekonstruieren
  • Solatubes machen Natur zugänglich

ChronoCity – Sonne first

Im Kontext von ChronoCity verschiebt sich die Betrachtung von Licht weg von der reinen Beleuchtungsfrage hin zu einer infrastrukturellen Bedingung biologischer Synchronisation. Solatubes sind dabei kein gestalterisches Detail, sondern ein architektonischer Eingriff in die Beziehung zwischen Gebäude und Sonnenverlauf: Sie bringen echtes Tageslicht in jene Zonen, die im klassischen Städte- und Gebäudeentwurf vom natürlichen Lichtsystem abgeschnitten sind. Damit entsteht erstmals die Möglichkeit, auch innenliegende Nutzungsbereiche in den circadianen Takt der Außenwelt einzubinden, ohne vollständig auf künstliche Simulation angewiesen zu sein. Im Gegensatz zu rein softwarebasierten Lichtsystemen bleibt hier das Sonnenlicht selbst der primäre Taktgeber. Architektur wird damit nicht nur beleuchtet, sondern wieder an den natürlichen Zeitverlauf gekoppelt.

Fazit: Die eigentliche Frage ist nicht das Licht – sondern die Architektur

Die Diskussion wird oft auf Lichtsysteme reduziert. Tatsächlich ist das Problem jedoch architektonisch. HCL ist eine notwendige Antwort auf Gebäude, die keine ausreichende Tageslichtintegration ermöglichen. Es ist präzise, steuerbar und technisch hochentwickelt. aber es bleibt eine Simulation biologischer Realität mit Energiebedarf in Form von Strom.

Solatubes dagegen verschieben die Perspektive. Sie bringen echte Lichtphysik zurück in den Innenraum und reduzieren die Abhängigkeit von künstlicher Lichtsteuerung.

Das schafft eine neue Perspektive. Wie viel echte Tageslichtarchitektur ist noch möglich, bevor wir gezwungen sind, sie technisch zu imitieren? Ausgangspunkt ist also die Natur, und nicht die Möglichkeiten des Kunstlichts.

Und genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob Gebäude biologische Räume bleiben, oder nur noch funktionale Hüllen mit optimierter Beleuchtung.

Quellen

Website Solatube: https://solatube.de/

Human Ceneterd Lighting Wikipedia: Human Centric Lighting