ChronoCity – Die intelligente Weiterentwicklung urbaner Zeitstrukturen

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ChronoCity – Im Rahmen meines Beitrages auf dem internationalen Symposium ChronoCities for a Sustainable Future in Barcelona, bei dem Wissenschaftler, Stadtentwickler und Experten über die Zukunft gesellschaftlicher Zeitstrukturen diskutierten, rückte erneut eine Frage in den Mittelpunkt: Was passiert, wenn moderne Gesellschaften ihre technologischen Systeme permanent weiterentwickeln, die biologischen Rhythmen des Menschen jedoch weiterhin weitgehend ignorieren?

Aus den Diskussionen rund um Chronobiologie, Stadtentwicklung und Arbeitsorganisation entstand im Anschluss auch ein ausführliches Interview mit mir mit der mit der spanischen Tageszeitung El Confidencial über das Konzept der „ChronoCity“ – die Idee einer Stadt, die biologische Zeitstrukturen nicht als individuelles Gesundheitsthema betrachtet, sondern als strategischen Bestandteil von Arbeit, Bildung, Infrastruktur und gesellschaftlicher Stabilität.

Der folgende Beitrag beschreibt die Hintergründe dieser Entwicklung, die Erfahrungen aus ersten Pilotprojekten sowie die Frage, warum chronobiologische Zeitstrukturen künftig weit mehr sein könnten als ein Randthema der Gesundheitsforschung – nämlich ein möglicher Schlüssel für resilientere Gesellschaften im Zeitalter zunehmender technologischer und mentaler Überlastung.

ChronoCity wurde als Idee schon 2003 geboren. Als ich vor über 20 Jahren begann, mich intensiv mit der Wissenschaft der Chronobiologie zu beschäftigen, war dieses Thema für 99,9 % der Menschen kaum greifbar. Wie ich dazu kam, ist eine eigene Geschichte, die jeder hier nachlesen kann.

Schlaf galt jedenfalls damals als Privatsache, mentale Erschöpfung als individuelles Problem und unterschiedliche Leistungsphasen wurden meist als Charakterfrage betrachtet. Wer morgens fit war, galt als diszipliniert, wer abends produktiver wurde, schnell als unstrukturiert oder faul.

Die Vorstellung, dass biologische Rhythmen tief in uns verankert sind und direkten Einfluss auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Prozesse haben, spielte damals in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle, auch deshalb, weil viele chronobiologische Zusammenhänge wissenschaftlich noch wenig bekannt waren.

ChronoCities – Nur intelligente Fragen führen zu intelligenten Antworten

2002 habe ich mir erstmals die Fragen gestellt:

  • Wenn Menschen biologisch unterschiedlich funktionieren, warum leben dann alle nach denselben Zeitstrukturen?
  • Warum beginnen Schulen zu Zeiten, in denen ein Teil der Schüler biologisch noch gar nicht leistungsfähig ist?
  • Warum orientieren sich Arbeitszeiten bis heute häufig an historischen Industrieprozessen statt an menschlicher Biologie?
  • Warum gelten Menschen als „leistungsfähig“, wenn sie früh funktionieren, obwohl ihr Körper vielleicht dauerhaft gegen den eigenen Rhythmus arbeitet?
  • Und welche Folgen entstehen eigentlich langfristig für Gesundheit, Nervensystem, Beziehungen und Gesellschaft, wenn Millionen Menschen dauerhaft gegen ihre innere Zeit leben?
  • Welche volkswirtschaftlichen Schäden entstehen dadurch?

Aus diesen Fragen entstand für mich sei dem nie einfach nur ein „Schlafthema“, sondern ein völlig neuer Blick auf Arbeit, Alltag und gesellschaftliche Organisation.

Chronobiologie bedeutet für mich weit mehr als Schlafenszeiten oder die Frage, ob jemand Frühaufsteher oder Nachtmensch ist. Sie beschreibt die biologischen Rhythmen des Menschen, gesteuert unter anderem über Licht, Hormone, Stoffwechsel, Temperatur und genetische Veranlagung. Der Körper kennt dabei keine Uhrzeiten im menschlichen Sinn. Er kennt Rhythmen.

Und genau dort beginnt aus meiner Sicht eines der größten Probleme moderner Gesellschaften. Der Mensch ist in sich biologisch rhythmisch organisiert, während die Gesellschaft eine künstlich zeitlichen Taktung vorschreibt.

Erdrückende Relevanz

60 Mrd. €, das sind knapp 70 Mrd. USD, kostet Schlafdefizit z.B. laut einer Rand Europe Studie die deutsche Bevölkerung, während die amerikanische Volkswirtschaft, für 2030 prognostiziert, knapp 470 Mrd. USD durch Schlafdefizit zu verliert. Eine Pandemie, die längst lautlos unter uns grassiert.

Dabei spüren heute viele Menschen intuitiv, dass etwas nicht stimmt, auch wenn sie es oft nicht benennen können. Dabei geht es nicht nur um klassischen Stress. Der Körper reagiert auf Schlafmangel, Zeitdruck, ständige Erreichbarkeit, künstliches Licht, soziale Erwartungen und fehlende Regeneration nicht getrennt voneinander. Das Nervensystem unterscheidet nicht sauber zwischen emotionaler Belastung, Schlafdefizit oder biologischer Fehlanpassung. Für den Körper entsteht daraus häufig ein dauerhafter Zustand innerer Alarmbereitschaft. Studien dazu füllen Regale.

Chronobiologie ist jedoch gerade NICHT nur Schlaf, sondern befasst sich mit dem genetisch basierten 24h Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Menschen ticken hier unterschiedlich. Zwischen dem frühesten Frühtyp und dem spätesten Spättyp liegen über 13,5 h … alleine bei einem unserer Projekte mit 138 Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Extrem viel Potenzial für eine gesellschaftliche Zeitbombe.

Genau deshalb habe ich Chronobiologie nie isoliert betrachtet, sondern immer als gesellschaftliches Thema verstanden.

Kernfrage: Warum versuchen wir permanent, den Menschen an starre Strukturen anzupassen, statt Strukturen wieder stärker am Menschen auszurichten?

ChronoCity – Ein überfälliges Projekt, zu früh initiiert?

Aus dieser Denkweise entstand später die Vision der ChronoCity.

Die Idee einer Stadt, in der Unternehmen, Schulen, Verkehrssysteme, öffentliche Einrichtungen und gesellschaftliche Abläufe nicht ausschließlich nach wirtschaftlicher Effizienz organisiert werden, sondern auch nach biologischer Realität.

Dabei ging es nie darum, dass jeder Mensch völlig frei seinen Rhythmus lebt oder gesellschaftliche Ordnung verschwindet. Im Gegenteil. Für mich ging es immer um intelligentere Systeme.

Denn ein Mensch, der dauerhaft gegen seine innere Uhr lebt, wird nicht automatisch produktiver. Oft wird er erschöpfter, gereizter, fehleranfälliger und langfristig gesundheitlich instabiler. Die Folgen betreffen nicht nur den Einzelnen, sondern auch Familien, Unternehmen, Gesundheitssysteme und letztlich ganze Gesellschaften.

Zwischen 2012 und 2016 durfte ich diese Vision in Bad Kissingen erstmals konkreter umsetzen. Gemeinsam mit wissenschaftlichen Partnern entstanden Projekte an Schulen, in Unternehmen und im Gesundheitsbereich. Schülerchronotypen wurden analysiert, Unterrichtszeiten angepasst, Arbeitszeitmodelle neu betrachtet und gesundheitliche Zusammenhänge untersucht. Damals waren viele dieser Gedanken ihrer Zeit voraus, und vielleicht deswegen war das mediale Interesse größer, als die Geduld der politischen Protagonisten.

Heute wirken sie plötzlich deutlich greifbarer.

Spätestens seit den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre stellen immer mehr Menschen die bisherigen Zeitmodelle infrage. Homeoffice, Burnout, chronische Erschöpfung, Schlafprobleme und psychische Überlastung haben sichtbar gemacht, dass Produktivität alleine kein stabiles Fundament für gesunde Gesellschaften ist.

Immer mehr Menschen spüren: Der Mensch ist kein linear funktionierendes System.

Er braucht Rhythmen, Regeneration, Phasen von Aktivität und Ruhe, denn das Buhlen um deine Aufmerksamkeit macht keine Sekunde Pause. Was fehlt, sind die gesellschaftlichen Strukturen dazu, die die biologische Realität nicht dauerhaft ignorieren.

Genau deshalb sehe ich Chronobiologie nicht als Nischenthema für Schlafexperten, sondern als möglichen nächsten Entwicklungsschritt moderner Gesellschaften.

ChronoCity – Was genau ist sie im Kern?

Eine ChronoCity verankert in ihrem strategischen Kern, die Einbindung biologischer Rhythmik der Menschen in Verbindung mit sich daraus ergebender bewußter Zeitpolitik in die strategische Stadtentwicklung.

Das gilt für

  • Schulen, hier mit Schwerpunkt auf Schulbeginn- und Prüfungszeiten, und natürlich die Einbindung des Wissens zur Chronobiologie
  • Arbeitgeber, die bei der Planung von Arbeits- und Schichtzeiten, Meetingzeiten, Kantinenzeiten etc. die genetische Rhythmik der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen berücksichtigt.
  • Kliniken, die erkennen, dass die Missachtung der inneren Uhr von Personal UND Patienten, zu schlechteren oder gar fehlenden Behandlungs- und Therapieerfolgen führen
  • Gesellschaftliches Miteinander, weil Schlafdefizit und falsche Rhythmik das Aggressionsrisiko massiv nach oben schiebt

Dies sind nur Beispiele, die als Grundlage dafür dienen, was strategische Themen einer ChronoCity sind. Dabei ist ein Kernelement von ChronoCity, dass es sich um ein Element der strategischen Stadtentwicklung handelt, und nicht um ein Einzelprojekt mit Ablaufdatum. Diese strategische Entwicklung muss daher zwingend in der Stadtverwaltung, oder in einer ausgelagerten Unternehmung verankert sein, um die Vernetzung der Stakeholder zu organisieren und auf- bzw. auszubauen. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass es nicht darum geht, von heute auf morgen alles umzudrehen, sondern nach dem Pareto-Prinzip zu agieren, und festzustellen, wo die 20 % der möglichen Chrono-Hebel liegen, die 80 % des positiven Effektes herausholen.

Dies möchte ich an einem Beispiel eines unserer Projekte kurz darstellen.

Aufstehen ohne Wecker

2019 starteten wir ein wissenschaftlich begleitetes Projekt bei einer mittelständischen Unternehmung. Ziel war, 12 freiwilligen Mitarbeitern über 3 Monate hinweg die offizielle Erlaubnis zu geben, ausschlafen zu dürfen. Es lag an ihnen, wann sie zur Arbeit kommen wollten.

Der Effekt auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit war schon nach dieser kurzen Zeit enorm. Für das Unternehmen war aber ein Effekt besonders interessant. Es musste nicht viel umstrukturiert werden, da viele der Teilnehmer schlicht die schon existierende flexible Arbeitszeit ausgenutzt haben. Während vorher die psychologische Hürde existierte, nicht als „Schlafmütze“ zu gelten, was dazu führte, dass viele Spättypen dennoch früh mit der Arbeit anfingen, hat das Projekt dazu geführt, dass sie nun nicht mehr als „Penner“ betitelt wurden, wissend, dass die Gene dahinterstehen. Die Mitarbeiter kamen jetzt später, konnten die Arbeitszeit ausnutzen, und das Unternehmen selbst musste „0“ strukturell dafür verändern. Dieses Beispiel zeigt, welche enormen Auswirkungen solche intelligent platzierten Pilotprojekte haben können, ohne Widerstand zu erzeugen. Exakt auf diesem Prinzip basiert die strategische Entwicklung einer ChronoCity.

ChronoCity als intelligentes Korrektiv moderner Smart-City-Entwicklung

Viele Städte investieren heute massiv in Smart-City– und Digitalisierungsprojekte. Ziel ist es, Städte effizienter, vernetzter und technologisch leistungsfähiger zu machen. Diese Entwicklung ist wichtig und wird sich weiter beschleunigen.

Gleichzeitig entsteht jedoch eine neue Herausforderung: Je komplexer digitale Systeme werden, desto höher werden häufig auch Ressourcenbedarf, organisatorischer Aufwand und Anpassungsdruck innerhalb kommunaler Strukturen.

Hinzu kommt, dass technologische Innovationszyklen inzwischen schneller verlaufen als viele kommunale Entscheidungs-, Umsetzungs- und Amortisierungsprozesse.

Dadurch entsteht für Städte zunehmend ein strukturelles Risiko: Die Geschwindigkeit digitaler Entwicklung sorgt dafür, dass digitale Projektzyklen immer kürzer werden müssen, um sich noch amortisieren zu können, wodurch organisatorische Stabilität, gesellschaftliche Akzeptanz und langfristige Wirtschaftlichkeit immer schwieriger kalkulierbar werden, gerade bei den langen Vorlaufzeiten kommunaler Entscheidungsprozesse.

ChronoCity versteht sich deshalb nicht als Gegenmodell zur Smart City, sondern als unabdingbar notwendige Paralellentwicklung, um die Ressource Mensch, und somit auch deren Kosten- und Unterhaltungsblock, nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.

Während Smart-City-Konzepte primär technologische Systeme digital optimieren, integriert ChronoCity somit zusätzlich die biologische und gesellschaftliche Realität des Menschen in die Stadtentwicklung, um dessen biologische Potenziale, bestmöglich effizient und ohne Reibungsverluste (Anforderung/Biologie) ausnutzen zu können.

Dadurch entsteht eine zweite Entwicklungsebene:
Nicht nur technologischer Fortschritt, sondern auch menschliche Stabilität, gesellschaftliche Regeneration und nachhaltige organisatorische Belastbarkeit, die diesen technischen Fortschritt biologisch stabil untermauert. Technologie, die den Menschen biologisch unterstützt statt permanent überfordert, benötigt langfristig weniger kompensatorische Ressourcen, gesundheitlich, organisatorisch und gesellschaftlich.

Die Zukunft moderner Städte wird möglicherweise nicht davon abhängen, wie intelligent Technologie wird, sondern davon, wie intelligent wir Technologie und menschliche Biologie miteinander verbinden.