Innere Uhr vs. äußere Uhr – wir haben uns daran gewöhnt, Arbeit nach der Uhr zu organisieren. 8 Uhr ist Arbeitsbeginn. 12 Uhr ist Mittagspause, und 17 Uhr ist Feierabend. In der Schichtarbeit werden Beginn, Ende und Ruhezeiten noch präziser festgelegt. Die Uhr schafft einen gemeinsamen zeitlichen Rahmen, macht Arbeit dadurch planbar und ist für Arbeitgeber daher unverzichtbar. Doch der arbeitende Mensch, der zwar dieser Uhr folgt, hat selbst noch eine andere Uhr, die sogenannte „Innere Uhr“, und die funktioniert nicht für alle Menschen gleich.
8 Uhr ist 8 Uhr – aber nicht für alle
Auf der Uhr ist 8 Uhr natürlich für jeden Menschen 8 Uhr, biologisch muss dieser Zeitpunkt deshalb noch lange nicht dasselbe bedeuten, denn Menschen unterscheiden sich in der zeitlichen Lage ihrer biologischen Rhythmen. Besonders deutlich wird das am Schlaf-Wach-Rhythmus. Die einen erreichen bestimmte biologische Phasen früher, andere später.
In der Chronobiologie wird diese individuelle zeitliche Ausprägung unter anderem mit dem Begriff Chronotyp beschrieben. Er beschreibt vereinfacht gesagt die individuelle, primär genetisch bedingte zeitliche Lage des Schlaf-Wach-Rhythmus im Tagesverlauf. Das ist etwas anderes als das, was wir im Alltag beobachten, und wird gemeinhin eben als „innere Uhr“ bezeichnet.
Wer jeden Morgen um 6 Uhr mit dem Wecker aufsteht, um rechtzeitig zur vorgegebenen Arbeitszeit im Unternehmen zu sein, ist deshalb nicht automatisch ein Frühtyp. Und wer lange schläft, oft als „Langschläfer“ bezeichnet, ist nicht automatisch ein Spättyp. Auch ein Mensch mit einem frühen Chronotyp kann lange schlafen. Das beobachtbare Verhalten und die biologische zeitliche Lage eines Menschen sind also nicht dasselbe, was man erst dann merkt, wenn man genauser hinsieht. Und das lohnt sich bei Mitarbeitenden definitiv.
Gewöhnung verändert nicht automatisch die innere Uhr
Natürlich können Menschen sich an Arbeitszeiten gewöhnen. Sie können lernen, früh aufzustehen, obwohl es ihnen zunächst schwerfällt, sie können morgens durchaus auch funktionieren, obwohl sie sich zu dieser Zeit noch nicht besonders leistungsfähig fühlen. Kurz, wir können Routinen entwickeln, die uns dabei helfen, etwas unzusetzen, was gegen unsere Natur läuft. Aber ist das deswegen nicht mehr schädlich?
Ich vergleiche das in meinen Vorträgen gerne mit der Schuhgröße. Mit Fußgröße 42 kann man durchaus in einen Schuh der Größe 45 steigen und damit irgendwie laufen. Für eine optimale Leistung des Fußes ist dieser Schuh trotzdem nicht gemacht. Man kann sich daran gewöhnen, nur wird der Fuß langfristig Schaden annehmen, was die erzielbare Leistung weiter reduziert.
Ähnlich verhält es sich mit unserer biologischen Leistungsfähigkeit. Dass ein Mensch um 6 Uhr aufstehen kann, sagt zunächst wenig darüber aus, ob dieser Zeitpunkt seiner Biologie entspricht. Und dass jemand jeden Morgen um 6 Uhr aufstehen kann, ist auch noch kein Beleg dafür, dass sein Körper diesen Zeitpunkt akzeptiert oder gar bevorzugt. Je länger ein Mensch versucht, außerhalb seiner biologischen Zeit zu arbeiten, desto höher das Risiko schädlicher Folgen, ähnlich eben einer falschen Schuhgröße. Gewöhnung ist ein Notprogramm, das eine kurze Zeit überbrücken soll, aber keine High-Speed-Evolution, die folgenlos bleibt.
Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Zwei „Uhren“ – ein Arbeitsplatz
Nehmen wir zwei Beschäftigte, die beide um 8 Uhr mit der Arbeit beginnen. Organisatorisch ist ihre Situation identisch, ´beide erscheinen zur gleichen Zeit und haben denselben Arbeitstag mit den gleichen Aufgaben vor sich. Biologisch können beide Personen jedoch völlig unterschiedliche Voraussetzungen haben.
Für den einen kann 8 Uhr relativ nah an einer Phase liegen, in der seine biologische Leistungsfähigkeit bereits weit fortgeschritten ist. Für den anderen kann derselbe Zeitpunkt deutlich früher in seinem biologischen Tagesverlauf liegen, oder sogar noch in der biologischen Nacht. Das eröffnet eine Frage, die bei der Organisation von Arbeit bisher vergleichsweise wenig Beachtung findet:
Was passiert, wenn die äußere Uhr der Arbeit und die innere Uhr des Menschen gegeneinander laufen?
Genau diese Frage ist der Ausgangspunkt von ChronoWorking. Dabei geht es zunächst gar nicht darum, Arbeitszeiten per se zu verändern. Denn bevor man etwas verändert, sollte man erst einmal verstehen, was eigentlich passiert. Und genau hier besteht eine fundamentale Wissenslücke.
Wir wissen zwar sehr genau, wann Menschen arbeiten sollen, und auch, wie lange sie arbeiten dürfen und wann sie aus rechtlicher Sicht Pausen machen müssen. Wir können Arbeitszeiten planen, dokumentieren und digital verwalten, aber wissen wir deshalb auch, zu welcher biologischen Zeit ein Mensch gerade arbeitet? Man kann das ignorieren, muss aber mit den Folgen dann leben. Folgen, die für Arbeitgeber nicht unerheblich sein können.
Die biologische Dimension der Arbeitszeit
Solange wir also Zeit ausschließlich als Uhrzeit auf der äusseren Uhr betrachten, erscheint Arbeitsorganisation relativ einfach. Doch sobald wir zusätzlich seine innere Uhr betrachten, bekommt derselbe Arbeitstag eine zweite Dimension, eben die der biologischen inneren Uhr, die zudem extrem individuell ausgeprägt ist.
Das verändert den Blick auf die Arbeitszeit fundamental, und genau das halte ich für den entscheidenden ersten Schritt. Denn sobald man verstanden hat, dass soziale Zeit und biologische Zeit nicht automatisch deckungsgleich sind, beginnen sich plötzlich Fenster zu öffnen, und man fängt an Fragen zu stellen, die man vorher gar nicht auf dem Schirm hatte.
Ein Teilnehmer meines ersten Workshops „Chronobiologie im Personalmanagement“ bei einer INQA-Veranstaltung hat das 2003 einmal sehr treffend formuliert:
„Da gehen einem tausend Fenster auf …“
Ich erinnere mich bis heute an diesen Satz. Für den Neugierigen ist jedes Fenster eine Chance, eine neue Option, oder einfach: Potenzial. Für den Ängstlichen ist jedes Fenster ein Risiko, potenzielle Gefahr und „Mehrarbeit, die es zu verhindern gilt“. Also ein „Bei uns geht das nicht, weil … !“ statt eines „Wie bekommen wir es hin, dass … !“ Dennoch kann man der sich daraus ergebenden Frage nicht entkommen:
Welche Bedeutung hat die innere Uhr des Menschen eigentlich für die Art und Weise, wie wir Arbeit organisieren?
In der kommenden Woche wird diese Frage an einem sehr aktuellen Beispiel besprochen: Zeitumstellung – Was passiert eigentlich mit Mitarbeitenden, wenn sich die äußere Uhr verändert, aber die innere Uhr des Körpers nicht einfach im gleichen Moment mit umgestellt wird? Und … was kostet das die Arbeitgeber? Ich freue mich, wenn Ihr dabei seid und mit diskutiert.
Zum Thema „Innere Uhr in der Arbeit, oder auch „ChronoWorking“, findest du unser Whitepaper hier.





