Arbeitszeiten können töten – Tabu oder blinder Fleck? Ein Positionspapier.

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Provokant? Ja, aber vielleicht in Bezug auf Arbeitssicherheit nötig.

Seit Jahrzehnten wissen wir, dass Müdigkeit Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen und Entscheidungsqualität beeinträchtigt. Die wissenschaftluche Faktenlage ist erdrückend, und wird nicht angezweifelt. Gleichzeitig wissen wir, dass Millionen Menschen, in Deutschland über 70% an Werktagen, ihren Schlaf regelmäßig durch einen Wecker beenden müssen, oft lange bevor ihr Organismus den Schlaf natürlicherweise beendet hätte. Man will ausgeschlafene Mitarbeitende, läßt sie aber nicht ausschlafen.

Die Frage, welche sicherheitsrelevanten Folgen daraus für die zeitliche Organisation von gefahrgeneigte Tätigkeiten entstehen können, wird im Arbeitsschutz bislang kaum systematisch diskutiert. Nicht weil die einzelnen Erkenntnisse fehlen, sondern weil sie selten zu einer gemeinsamen Schlussfolgerung zusammengeführt werden, oder vielleicht einfach nicht daran gedacht wird.

Dass Müdigkeit ein Sicherheitsrisiko darstellt, ist seit Jahrzehnten bekannt. Sie spielte bei Katastrophen wie Tschernobyl oder dem Tankerunglück der Exxon Valdez ebenso eine Rolle wie bei zahlreichen Zwischenfällen in der Luftfahrt, im Gesundheitswesen und im Straßenverkehr. Gleichzeitig wissen wir heute mehr denn je über die chronobiologischen Mechanismen, die hinter Müdigkeit, Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit stehen.

Somit stellen wir eben eine erstaunlich einfache Frage bis heute kaum:

Kann die Art und Weise, wie wir Arbeitszeiten organisieren, selbst ein sicherheitsrelevanter Risikofaktor sein?

Sicherheit beginnt an der Stechuhr

Moderne Unternehmen investieren erhebliche Ressourcen in den Arbeitsschutz. Maschinen werden abgesichert, ergonomische Arbeitsplätze geschaffen, psychische Belastungen beurteilt und organisatorische Risiken bewertet. Das ist richtig und wichtig. Doch fast alle diese Maßnahmen setzen erst dort an, wo eine Gefährdung bereits sichtbar wird.

Was wäre, wenn ein Teil des Risikos viel früher entsteht, nämlich in dem Moment, in dem Arbeitszeiten geplant werden? Denn Arbeit beginnt nicht erst am Arbeitsplatz. Sie beginnt mit einem Menschen, dessen Organismus bereits in einem bestimmten physiologischen Zustand ist.

Der Körper kennt keine Uhr

Wir organisieren unser Leben nach Uhrzeiten. Der menschliche Organismus dagegen folgt Rhythmen, er kennt keine Uhrzeiten. Hormone werden nicht um 7:00 Uhr ausgeschüttet, weil die Uhr das vorgibt. Aufmerksamkeit steigt nicht, weil der Kalender einen Arbeitstag anzeigt. Körpertemperatur, Cortisol, Melatonin, Stoffwechsel, Schlafdruck und kognitive Leistungsfähigkeit folgen einer inneren rhythmischen Organisation, die sich zwar an äußeren Taktgebern wie z.B. der Helligkeit oder dem Lichtspektrum der Sonne orientiert, aber eben nicht an Uhrzeiten. Im Kern ist diese Steuerung jedoch überwiegend genetisch basiert, und bei jedem Menschen deswegen anders. Genau deshalb reagieren Menschen auf identische Arbeitszeiten unterschiedlich.

Während der eine morgens bereits hochkonzentriert arbeitet, befindet sich der andere physiologisch noch in einer Phase eingeschränkter Leistungsfähigkeit, z. B. bedingt durch das Unterbrechen des Schlafes. Beide erscheinen pünktlich am Arbeitsplatz. Beide erfüllen dieselbe Aufgabe. Doch ihre biologischen Voraussetzungen unterscheiden sich erheblich.

Was wir längst wissen und dennoch kaum verbinden

Die Chronobiologie beschreibt diese Zusammenhänge seit vielen Jahren. Gleichzeitig zeigt die Arbeits- und Sicherheitsforschung, dass Müdigkeit, reduzierte Vigilanz und eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit die Wahrscheinlichkeit von Fehlern und Unfällen erhöhen. Beide Erkenntnisse existieren nebeneinander. Doch sie werden nur selten konsequent miteinander verbunden. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Müdigkeit gefährlich ist. Das wissen wir.

Die Frage lautet vielmehr:

Welche Rolle spielt die Arbeitszeit selbst bei der Entstehung dieser Müdigkeit, und welche Verantwortung ergibt sich daraus für Unternehmen?

Tabu oder doch blinder Fleck in der Gefährdungsbeurteilung?

Nach dem Arbeitsschutzgesetz sind Unternehmen verpflichtet, Gefährdungen systematisch zu beurteilen und geeignete Schutzmaßnahmen abzuleiten. Berücksichtigt werden unter anderem ergonomische Belastungen, Lärm, Gefahrstoffe, psychische Beanspruchung oder organisatorische Abläufe. Die individuelle chronobiologische Eignung einer Arbeitszeit spielt dagegen bislang kaum eine Rolle.

Dabei könnte genau hier eine bislang unterschätzte Ursache vieler bekannter Folgeprobleme liegen: Fehler, Unfälle, reduzierte Leistungsfähigkeit, chronische Erschöpfung, steigende Krankheitskosten und langfristige gesundheitliche Belastungen. Ist das bekannt, wird aber nicht thematisiert, oder ist es tatsächlich ein blinder Fleck?

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Arbeitszeiten organisiert werden müssen – das müssen sie –, sondern ob sie künftig auch unter chronobiologischen Gesichtspunkten bewertet werden müssen.

Warum wir darüber in der Arbeitssicherheit so wenig sprechen

Interessanterweise liegt das nicht daran, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse fehlen. Vielmehr stammen unsere heutigen Arbeitszeitmodelle aus einer Zeit, in der Standardisierung wichtiger war als Individualisierung, und Individualisierung sich heute überwiegend in flexiblen Arbeitszeiten erschöpft. Die industrielle Organisation von Arbeit orientierte sich an Maschinen, Produktionsprozessen und Effizienz, nicht an der biologischen „Diversity“ des Menschen.

Hinzu kommt, dass Chronobiologie, Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz, Arbeitssicherheit und Personalmanagement ihre Fragestellungen über Jahrzehnte weitgehend unabhängig voneinander entwickelt haben. Dadurch entstand keine Interdisziplinarität. Ein Thema rutscht durch Netz.

Die wirtschaftliche Dimension

Die Folgen betreffen nicht nur Gesundheit und Sicherheit von Einzelpersonen, sondern auch Unternehmen bis hin zu Volkswirtschaften. Die RAND-Europe-Studie Why Sleep Matters schätzt die volkswirtschaftlichen Schäden durch schlafbezogene Leistungs- und Konzentrationsdefizite allein für Deutschland auf mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Das wäre politisch wirtschaftlich der zweithöchste Bundeshaushalt, quasi deckungsgleich mit dem Verteidigungshaushalt.

Eigene Untersuchungen im Unternehmenskontext weisen darüber hinaus darauf hin, dass chronobiologisch ungeeignete Arbeitszeiten betriebswirtschaftliche Schäden von mehreren tausend Euro pro Mitarbeiter und Jahr verursachen können, unter anderem durch Produktivitätsverluste, Fehlentscheidungen, erhöhte Fehlerquoten und sicherheitsrelevante Ereignisse.

Damit wird aus einer biologischen Fragestellung plötzlich ein Managementthema.

ChronoWorking reicht weiter als Gesundheit

In den vergangenen Jahren gewinnt der Begriff ChronoWorking zunehmend an Bedeutung. Meist steht dabei die Frage im Mittelpunkt, wie Arbeitszeiten besser an individuelle Chronotypen angepasst werden können, um Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit zu verbessern.

Ich halte diesen Ansatz für richtig, und wir verfolgen ihn auch auf mehreren Ebenen wie z.B. in unseren Chronobiologie-Ausbildungen und -Seminaren. Aus meiner Sicht stellt ChronoWorking aber nicht nur die eine Seite der Chronobiologie-Medaille dar, denn wenn chronobiologische Fehlanpassungen Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen und Entscheidungsqualität beeinflussen, dann geht es nicht mehr nur um reine Leistung im Sinne von Effizienz. Dann sprechen wir eben auch über Arbeitssicherheit.

Wenn das Fahrzeug nicht mehr fährt

Mit der verpflichtenden Einführung von Müdigkeits- und Aufmerksamkeitswarnsystemen in Neufahrzeugen erkennt der europäische Gesetzgeber ausdrücklich an, dass die menschliche Leistungsfähigkeit ein sicherheitsrelevanter Faktor ist. Moderne Assistenzsysteme überwachen den Fahrer kontinuierlich und warnen, wenn Anzeichen nachlassender Aufmerksamkeit erkannt werden. In weiterentwickelten Systemen können Fahrzeuge bei ausbleibender Reaktion des Fahrers sogar selbstständig ein kontrolliertes Sicherheitsmanöver einleiten.

Diese Entwicklung verdeutlicht einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Sicherheitssysteme reagieren zunehmend auf biologisch bedingte Leistungseinbußen des Menschen. Daraus ergibt sich jedoch eine weiterführende Frage: Sollte Prävention nicht bereits früher beginnen – nämlich dort, wo solche Zustände entstehen?

Chronobiological Safety Compliance versteht sich als Beitrag zu genau dieser Diskussion im Rahmen der Arbeitssicherheit. Ziel ist es nicht, bestehende Sicherheitssysteme zu ersetzen, sondern sie um eine präventive Perspektive zu ergänzen: Sicherheitsrisiken möglichst bereits bei der Gestaltung von Arbeitszeiten und Personaleinsatz zu reduzieren, bevor technische Warnsysteme überhaupt eingreifen müssen.

Mein Positionspapier

Mit dem Positionspapier „Chronobiological Safety Compliance – Ein Positionspapier zur Einstufung chronobiologischer Aspekte im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung nach dem Arbeitsschutzgesetz“ möchte ich trotz der Erfahrungen und der inzwischen sehr deutlichen Tendenz aus unseren Pilotprojekten aber auch der Studienlage im Ganzen, nicht sofort zwingend pauschale Antworten liefern, sondern ich eine Diskussion eröffnen. Eine Diskussion zwischen Chronobiologie, Arbeitswissenschaft, Sicherheitsfachkräften, Personalverantwortlichen, Unternehmen, Berufsgenossenschaften und Gesetzgebern, denn möglicherweise konzentriert man sichg seit Jahrzehnten auf die Folgen chronobiologisch ungeeigneter Arbeitszeiten, ohne ihre eigentliche Ursache ausreichend zu berücksichtigen. Jetzt ist die Zeit da, in der die Grundlagen auf dem Tisch liegen, und wenn es um Arbeitssicherheit geht, kann zögern Folgen haben.

Können Arbeitszeiten nun töten? Einladung zum Diskurs

Vielleicht wird sich am Ende zeigen, dass meine These zu weit geht, vielleicht wird sich aber auch zeigen, dass aktuell ein systemischer Risikofaktor übersehen wird, obwohl alle wissenschaftlichen Bausteine vorhanden sind. Genau deshalb sollte diese Diskussion im Rahmen der Arbeitssicherheit geführt werden.

Mein Positionspapier ging an Berufsgenossenschaften, Fachmedien und Fachorganisationen der Arbeitssicherheit, und die ersten (positiven) Reaktionen kamen erstaunlich schnell, trotz Urlaubszeit.

Wenn Sie die vollständige Argumentation, die wissenschaftlichen Grundlagen sowie die rechtlichen Überlegungen nachvollziehen möchten, lade ich Sie herzlich ein, das Positionspapier auf meiner Website herunterzuladen. Völlig frei, ohne Tracking und ohne Mailadresse, denn mir geht es um den Impuls.

Fortschritt beginnt nicht mit einer Antwort, sondern mit einer Frage, die bislang niemand gestellt hat.

Nachsatz

Zum Zeitpunkt des Entstehens des Positionspapiers, war mir keine Aktivität seitens entsprechender Fachgremien bekannt, was nicht bedeuten muss, dass es sie nicht gibt. Die ersten Reaktionen bestätigen jedoch eher, dass dies bisher kein zentrales Thema war. Insofern möchte ich nochmals betonen, dass mir nach 24 Jahren Chronobiologie, nicht die Kritik, sondern der Diskurs am Herzen liegt, für den ich jederzeit auch mit meiner Expertise zur Verfügung stehe.